10. März 2019

linguistisch – Eigenbezeichnung, Fremdbezeichnung

Am Anfang stehe ein Zitat aus dem Online-Duden:

Die Bezeichnung Neger gilt im öffentlichen Sprachgebrauch als stark diskriminierend und wird deshalb vermieden. Als alternative Bezeichnungen fungieren Farbiger, Farbige sowie Schwarzer, Schwarze; letztere Bezeichnung ist z. B. in Berichten über Südafrika vermehrt anzutreffen, wohl um eindeutiger auf die schwarze Bevölkerung (etwa im Unterschied zu Indern) Bezug nehmen zu können. In Deutschland lebende Menschen mit dunkler Hautfarbe wählen häufig die Eigenbezeichnung Afrodeutscher, Afrodeutsche, die zunehmend in Gebrauch kommt.

Soweit, so gut, Schwarzer also. Meine Gedanken zum Konnotationswandel von »Neger« findet man hier. Generell entstehen und wandeln sich Wörter mal gar nicht (Jude), mal öfters (175er, Schwuler), mal ganz oft (Mohr …). Es lässt sich vielleicht eine linguistische Wortherkunft dazu finden, den Konnationswandel bestimmen aber die Beteiligten und das dann meist aus Nachahmung.

Heute geht’s mir um den Begriff und die Verwendung einer »Eigenbezeichnung«, Synonym »Selbstbezeichnung«. Die Eigenbezeichnung, Selbstbezeichnung oder das Autonym ist wie sich der Benannte selbst nennt, etwa: »Ich bin ein Südtiroler«. Südtiroler ist da die Eigenbezeichnung, die hier praktischerweise gleich dem »Gegenteil«, der Fremdbezeichnung, dem Xenonym ist. Doch schon ein Mailänder (Fremdbezeichnung) nennt sich anders: Milanese (italienische Eigenbezeichnung).
   Genaugenommen ist eine Eigenbezeichnung nicht die eines einzelnen zur jeweiligen Gruppe gehörenden Sprechers – ein Südtiroler kann auch ein Italiener sein, staatsbürgerlich (also sportlich) ist er das sogar in der Regel immer –, und ein Südtiroler italienischer Muttersprache würde ich vielleicht Alto-Atesino nennen, oder weniger pointiert sagen: « Sono dall’ Alto Adige », ich komme aus Südtirol. (Wenn ich Italienisch spreche, sag’ ich das so. In der Bozner Volksschule mussten wir 1948 noch »Hochetsch« zu Südtirol sagen! Heute ist der Begriff meines Wissens ausgestorben.)
   Die Eigenbezeichnung bezieht sich gemeinhin auf Sprecher der örtlichen Sprache. Man lese dazu bei https://de.wikipedia.org/wiki/Volksbezeichnung das kluge Kapitel Bildung und Problematik.

Variante A. Politisch korrekter Sprachgebrauch will es, dass sich auch der »fremde« Sprechende oder Schreibende möglichst an die Eigenbezeichnung hält. Ein deutliches Plädoyer dafür hier: »Meine Meinung ist dazu ganz klar: In dem Moment, in dem sich jemand durch einen Begriff gekränkt fühlt, ist dieser tabu.« (Der Schreiber ist dadurch fremdbestimmt.) Die Frage, ob der Beleidiger oder der Beleidigte daran »Schuld« ist, wird meines Erachtens immer im Einzelfall abgewogen werden müssen. 
   Doch weiter: Die Eigenbezeichnung kann dann je nach Sprache des Schreibers leicht abgewandelt werden, ums auch dem Leser gefälliger zu machen, etwa grammatikalisch. »Wir nennen uns uruguayos oder orientales«, schreibt das aktuelle NZZ-Magazin in einem Artikel über eine Weinbar in Montevideo. Warum wird dort auch erklärt. Also würde man im Deutschen wohl Uruguayer oder Uruguayaner wählen, und höchstens in Kreuzworträtseln Orientale, schon weil bei uns die Bezeichnung für einen »Bewohner des Orients« (Duden) traditionell was anderes bedeutetMan muss ja nicht mir jedem Wort ein Fass aufmachen …
   
Variante B. Kommunikationstechnisch optimal ist eine Bezeichnung, die der Leser oder Hörer leicht versteht, die er üblich kennt und verwendet. Kein Mensch spricht von einem Fernsprecher, wenn er telefoniert.
   Ich könnte Ihnen einen Vortrag geben über Wortwahl – immer den vermuteten Leser im Auge, und wie er was auffasst, welches Wort »aufgedotzt« werden soll, was ironisiert werden soll, vielleicht, historisierend (Abort für WC), gelegentlich tatsächlich etwas abfällig, aber nicht persönlich gemeint (Quotenfrau, Pflichtneger als Figur in einem Stück, nicht als Schauspieler), etwas affektiert-gebildet (Autonym). In einem technischen Artikel verwendet man zum sicheren Verständnis immer denselben Begriff für dasselbe, in einer Erzählung mag man variieren (variatio delectat …), und so weiter. Ich plädiere effizient für eine bewusste Wortwahl beim Schreiben. Das mag überholt sein, weil inzwischen mehr geschrieben als gelesen wird: Da mag der (seltenere) Leser selbst herausfinden, was ihm da gesagt werden soll.

Links


• Wikipedia-Liste von Eigenbezeichnungen [Synonym: Selbstbezeichnungen] ethnischer Gruppen – wohlgemerkt nicht anderer Gruppen, von Adivasi bis Unangan (Bild Wikipedia)
• Thema Volksbezeichnung bei der Wikipedia. Synonym für Volksbezeichnung ist Demonym.
• Schönes Beispiel: die Ladiner.

Link hierher http://j.mp/2UzVauF
   = https://blogabissl.blogspot.com/2019/03/linguistisch-eigenbezeichnung.html

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