24. Februar 2023

Mein Aschermittwoch 2023

 
Mittagsandacht in der Remigiuskirche am Aschermittwoch

Aschermittwoch heuer, nach zwei Jahren ohne Karnevalszügen, mit medizinischen Masken statt Verkleidungen, Krieg, Ungewissheit, Pazifismus vorbei. Und das bleibt weiter so, tempora mutantur: Die Zeiten, die ändern sich, für alle – wie noch nie in unserem Leben.
   Wie vor dem neuen Krieg gewohnt war ich auf Aschensuche. « Memento homo, quia es pulvis, et in pulverem reverteris ». Der alte Spruch lief mir im Kopf herum; reverteris fand ich noch nie wohlklingend, sollte es auch nicht sein. (Als Techniker hätte ich reverberis lieber.) Und so heißt es heute auch nimmer, sondern: »Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst«. Oder so ähnlich, inzwischen immer nur deutsch, Landessprache, weniger schlagkräftig also, außer das Staub wird gezischt wie ein Fluch.
   Unser Stadtdechant Dr. Wolfgang Picken, groß von Figur und telegen, der konnte das, herab vom fernen Hochaltar im Bonner Münster. Doch ich greife vor.
   In meiner gewohnten Stiftskirche in der Altstadt, da war nichts. Das passiert öfter. Ich hatte mir erst einmal den elektronischen Wecker im Smartphone für Viertel nach neun in der nahen Remigiuskirche gestellt, da sollte es eine Messe mit anschließender Asche geben. Dem aber war nicht so. Ich muss mich vielleicht im Jahr getäuscht haben. Ein einsamer Zeitungsleser saß hinten herum, mürrisch oder hingegeben, jedenfalls blieb er grußlos. Bei ein paar historischen schwarzen Messbüchern stand, es seien alle aktuellen entwendet worden. Ein Kugelschreiber-Kommentator hatte dazugeschrieben: Vielleicht haben die Leute gemeint, die gäb’s geschenkt? Die Kirche war geheizt, wie wohl alle in der Innenstadt Bonns. »Meine« Stiftskirche in der nahen Kölnstraße bleibt im Winter kalt bis saukalt, weil wir da Gott in seiner Schöpfung loben, wie uns der letzte »Eckstein«, das zugehörige Kirchenmagazin, weis macht. Ein Umweltpamphlet. Die letzten alten Katholiken werden auch noch verscheucht, die Orgeln leiden unter Kondenswasser, wenn es wieder wärmer wird. Ärgerlich, doch selbst auf Irrwegen kommt man zu Gott, tiefgefroren. 

Die Mittagsandacht in St. Remigius –
aus meiner Sicht

   Zu Mittag, entnahm ich dem Remigius-Schaukasten, gäb’s wieder eine Messe, 12.15 Uhr. So richtig klar war’s nicht mit der Asche, mit der Messe auch nicht; aber ich bin alt. Hingegangen bin ich trotzdem, ist nicht weit für mich. Tatsächlich: Zwei junge Gläubige kamen und setzten sich rechts vorn in die erste Bank, schlugen College-Blöcke auf, und bereiten sich vor auf das, das kommen sollte. Pünktlich schellte die Glocke an der Sakristei, und es kamen sechs gewandete Frauen und Männer heraus, nahmen feierlich und ohne Umstände Platz (kein Knicks vor dem Herrn). Sie sangen schön, etwas lau fand ich, aber bitte, mir war’s wie eine feingefühlige Vorsuppe, in Ehren. Ich saß in der Mitte der Kirche, gehörig (für Männer) rechts, und dachte an »unser« samstägliches Mittagsgebet im Stift, wo außer der Handvoll Habituees auch keiner kommt. Die Fürbitten waren ähnlich. Danach habe ich mich noch etwas mit den weißen Herren unterhalten, nett, und als Besonderheit ökumenisch!
   Der Nachmittag ging dann so herum. Ich rang mit mir, ob ich noch einen letzten, dritten Versuch im Münster machen sollte, 18 Uhr. Und ging dann doch hin. Dechant Dr. Picken nennt’s die »Kirche in der Stadt«. Er ist zwar bei uns in der Altstadt auch »Leitender Pfarrer« mit großem L. Aber gegen das Münster sehen wir alt aus, obwohl der Stift näher an den Menschen ist, einheitlicher, und Gott dort nahbarer durch den fehlenden Hochaltar.
   Und richtig. Mengen – nicht unbedingt Massen – strömten ins abendliche Bonner Münster, das voll besetzt war, schätzungsweise achthundert Leute. Das war eine richtige Messe, ein Hochamt im Wortsinn oben am Hochaltar, erst großer Einzug mit Vorantrage-Kreuz, erwachsenen Ministranten (Maxistranten gibt’s nicht), einer wohlgewandeten »Münsterschola«, die dann zart sang, Weihrauch, geschwenkt, und bei der Wandlung echtes Klingeln, wie zu guten, alten Zeiten überall. Bei uns im Stift ist dergleichen schon wegrationalisiert, aber da pressiert’s auch, schon wegen der Kälte.
   Das Aschenkreuz auf die Stirn gab es gegen Anfang der Messe. Das ist eher eine fette, schwarze Creme auf die Stirn, jeweils mit dem Spruch »Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst«. Lektorinnen waren ausgeschwärmt in die Tiefen der Kirche damit.
   Zu Asche und zur Fastenzeit predigte dann auch ausgiebig Dr. Picken, zumal die Messe ins Internet übertragen wurde. Er sprach immer von Staub, mit heftigem St, und das klang wie sich’s gehörte donnernd und zischend und streng. Danach Wandlung und allgemeine Kommunion, was mich innerlich eher stört, immer und zu jedem Anlass Kommunion. Protestanten machen das nicht, jedenfalls früher nicht, und auch wir Katholiken gingen immer nur gut vorbereitet zur Kommunion – nüchtern und frisch von Todsünden befreit durch eine Beichte jüngeren Datums. Nun, Gott wird’s inzwischen nicht mehr so genau nehmen. Die abendliche Stimmung, der leichte Dunst von Weihrauch im Münster, aufgeräumte Teilnehmer, das war schon denkwürdig, erinnerungswürdig. Ein lautlos herumkurvender Rollstuhlfahrer. Ein leicht behinderter Junge mit Mutter und Bruder, den sie zurechtwies. Das schreiende Baby, das Gott so schätzt. Wer weiß, ob es das in zwanzig Jahren noch gibt …


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Links 

Die Messe im Münster
   https://youtu.be/oMSbsE77pho  (eineinhalb Stunden)

https://www.bonner-muenster.de/export/sites/bonner-muenster/.galleries/dokumente/04_kis.pdf 

Die Bonner Stadtkirche feiert an Aschermittwoch um 8 Uhr, 12.15 Uhr und um 18 Uhr die Heilige Messe im Bonner Münster. In den Gottesdiensten wird das Aschenkreuz ausgeteilt. Es singt die Münsterschola unter der Leitung von Sylvia Dörnemann – an der Orgel: Thiemo Dahmen. 

Link hierher:  
   https://blogabissl.blogspot.com/2023/02/mein-aschermittwoch-2023.html


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Bonner Münster, temporärer Westeingang. Februar 2023

19. Februar 2023

Die flennende Frau

 Gestern, Sa 18.2.23, Karneval, ging ich am Vormittag vom Kaiserplatz kommend am Bonner Münster vorbei. Eine Frau schrie laut auf der Straße herum, zornig, unflätig, unerhört.
   Bald war sie still. Auf der kleinen schmalen Steintreppe zum Bekleidungsgeschäft hat sie mich überholt. Mir war das unangenehm, so habe ich sie weiter nicht beachtet. Da weinte sie nur mehr. Flennte und beklagte ihr Schicksal, oder richtiger ihre Situation, laut schluchzend, lamentierend. Ich verstand nichts. Irgendetwas habe man ihr verweigert. Eilig verschwand sie Richtung Markt, meines Weges.
   Alle zwei Meter hinterließ sie am Trottoir große Flatschen Wasser. Vielleicht war ihr ein Klo verweigert worden, denke ich jetzt? Und wie hätte ich sie ansprechen können, in ihrer Verzweiflung, dem Unglück, Suff wohl. »Setzen Sie sich her auf die Treppe, pinkeln Sie ruhig zu Ende. Ist eh alles schon nass.«
   Und dann? Dafür war sie viel zu rasch, mein  Mitgefühl wie oft zu träg und angewidert. Ratlos, hilflos.

Mittags inniges Friedensgebet zu siebt am Altar in der Stifskirche; Lesung: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Pustekuchen. Da lieb ich auch mich lieber nicht 

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   https://blogabissl.blogspot.com/2023/02/die-flennende-frau.html

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9. Februar 2023

Arabische Ziffern aus Spanien

Schrift: Minion pro von Robert Slimbach

… aus Spanien. Das soll nur ein Titel sein, einer von vielen möglichen. Auf das Thema hat mich Wolfgang Beinert gebracht, in seiner kleinen Übersicht auf https://www.typolexikon.de/arabische-ziffern/ . Das mir neu gewesene
≬-Zeichen können Sie sich selbst denken oder googeln.

Nun aber meine alte Geschichte, die er natürlich nicht kannte. Siehe auch http://www.siebenfahr.com/Kuwait1981.pdf . Wie dort zu sehen ist, hatten wir damals noch keine »grafischen Oberflächen«, sondern nur Buchstabenterminals, tipp-tipp-tipp wie bei Schreibmaschinen oder Fernschreibern, in grüner Schrift.
   Nun sollten Araber unsere neuartigen, ausfallsicheren Großrechner kaufen und benutzen. Da mussten wir nicht nur die Buchstaben, die sich am Bildschirm zeigten, sondern auch die Schreibrichtung herumdrehen, von rechts nach links. Einfach.
   Dann aber fiel uns auf, dass die Araber ihre Zahlen so wie wir, von links nach rechts schreiben. Jede Zahl mit mehr als einer Ziffer musste also wieder zurückgedreht werden. Zum Beispiel bleibt hundertdreiundvierzig 143  ١٤٣  und wird nicht zu 341 ٣١٤. Käsebrot wird allerdings unweigerlich zu torbesäK, also laut https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=deutsch+arabisch arabisch
خبز الجبن
   Wie unsere Entwickler das in Kalifornien gelöst haben, weiß ich nicht, vermutlich gar nicht. Die Araber konnten englisch.

Warum aber schreiben die Araber die Zahlen wie wir, und die laufenden Wörter nicht? Ein schlauer Mann schrieb dazu: »Diese Schreibrichtung wurde zusammen mit den indischen Ziffern übernommen. Bei den Zahlen zwischen 21 und 99 kann man sich allerdings fragen, ob die Schreib- und Leserichtung wirklich gewechselt wird, denn man spricht im Arabischen zum Beispiel 23 wie bei uns drei und zwanzig aus. Die rechts stehende Einerzahl wird also vor der links stehenden Zehnerzahl genannt«. Selbst Wikipedia hat keine bessere Erklärung als von Indien so übernommen.
   Ich darf meine Vermutung äußern: Beim Zusammenzählen fängt man mit der Einerstelle an, im obigen Beispiel der 3 von 143, und die liegt in arabischer Leserichtung (rechts nach links) gleich als erste parat. Aber bitte: Ich will immer alles optimieren, als Techniker die Effizienz steigern. Historiker mögen das anders sehen. Kommentare sind mir willkommen. 

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 Link hierher: https://blogabissl.blogspot.com/2023/02/arabische-ziffern-aus-spanien.html

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4. Februar 2023

Meine erste und meine beste Erfindung

Ich bin eigentlich kein Erfinder; ich habe kein Patent. Ich war, wie man so sagt, kreativ, als Techniker, Ingenieur, Systemanalytiker

Meine erste Erfindung war  schon virtuell. Deshalb gibt’s hier auch kein Foto davon.
   Es muß etwa 1955 gewesen sein. Ich war Schüler im Landschulheim Marquartstein, Oberbayern 13a. Pünktlich um eins gab es im großen neuen Speisesaal oberalb des Schlosses Mittagessen. Jedenfalls spielt die Geschichte nicht auf der Burg, wo wir früher gelebt hatten.
   Zum Essen wurde weithin hörbar geläutet mit einer Glocke, die im Freien in einem Gestell fest angebracht ist. Man nimmt den Klöppel unten am Lederriemen, reißt ihn hin und her, und lässt’s läuten. Das erste Mal um fünf vor, sagen wir, eins, als Vorwarnung, und zum Hineingehen dann genau um Eins zum zweiten Mal.
   Wer es klingeln hört und nicht aufgepasst hat, weiß freilich nicht, ob es das erste Läuten war oder schon das zweite. Da kam meine Erfindung handy, praktisch: Beim ersten Klingeln gab ich der Glocke nachher noch einen Schlag, boing, abgesetzt nach dem längeren Geläute. Beim zweiten Klingeln gab’s von  mir zwei Nachschläge: Da war’s dann ernst. Der Brauch hat sich gehalten. Ob bis heute weiß ich nicht. Vieles ist inzwischen ja schon elektrisch. Dann macht keiner mehr Klingeldienst.

»Keine rohe Gewalt ausüben. Wenn die Tür eingehängt ist, nur leicht dagegendrücken.
Der Haken öffnet sich dann.« – Hinweis für Anfänger

Und das ist meine beste Erfindung, Zirka aus den Neunzehnhunderneunzigerjahren. Sie ziert die Wand bei der Eingangstür ins Haus, Bonn, Friedrichstraße 29. Da wohnen wir in der Belle Etage zur Miete.
   Damit die Eingangstür bei Bedarf offen stehen bleibt, hängt da ein S-förmiger Haken an einer in die Wand gedübelten Öse. Gut sichtbar. Die Tür hat auch einen Haken, da kann man den aus der Wand einhängen.
   Zum Zumachen der Tür zieht man nicht wie wild an der Tür, drückt auch nicht umständlich auf einen dahinter festgestellten Hebel. Man drückt kurz gegen die Tür, der S-Haken fällt, schräg wie er hängt, aus dem Haken an der Tür, und die geht zu – fertig. Die eigentliche Erfindung ist nur die Schrägstellung der Öse. Nicht teuer, kost’ nichts.
   Schließen kann man mit dem Ellenbogen, mit dem Fuß, einem Paket, das man gerade in der Hand hat, mit dem Regenschirm, einem Baby, whatever. 

Das war’s. Genau beschrieben habe ich das 2017 auf
 
http://blogabissl.blogspot.com/2017/03/klickverschluss-fur-die-haustur.html

Und dieser Blog-Post hier steht auf 
 https://blogabissl.blogspot.com/2023/02/meine-erste-und-meine-beste-erfindung.html

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