1. August 2022

Bin ich Schuld am Krieg?

Als ich in den Siebzigerjahren in Amerika lebte, ging der Vietnamkrieg gerade kläglich zu Ende. Fast täglich wurde von Bootsflüchtlingen (“boat people”) berichtet, die vom Norden nach Südvietnam fliehen wollten. Viele ertranken im Meer – im Weltmeer. Da dachte ich: Müsste nicht die deutsche Marine hinfahren und sie retten? Außer nahe der Küsten sind doch alle Staaten für die freien Weltmeere verantwortlich? Das war natürlich naiv. Aber ein wenig schlechtes Gewissen hatte ich schon. Es lag mir auf der Seele.

Inzwischen ist Krieg in der Ukraine. Putin hat angegriffen, unbestritten. Ich meine nur, der Krieg hätte sich verhindern lassen, durch »uns«, vor allem durch die EU, oder durch einen zupackenden Realpolitiker, wie es früher Kissinger war, Angela Merkel auch zuweilen. Ein wenig hätte man Putin in seinem Interesse – und auch in unserem! – entgegenkommen können. Die Ukraine neutralisieren wie Österreich damals. 

Dass mein Gedanke gar nicht so unsinnig ist, bestätigt ebendieser Kissinger: »Ja, diese Invasion habe er nicht für möglich gehalten, sagte er unlängst. Um dann eben den Ratschlag zu geben, Europas Stabilität nicht wegen ein paar Quadratkilometern im Donbass aufs Spiel zu setzen.«, nachzulesen in der Süddeutschen auf https://www.sueddeutsche.de/meinung/kissinger-russland-ukraine-davos-1.5592015 . Lesen!

Man kann natürlich anderer Meinung sein und Putin für kriegslüstern, ja verrückt halten. Das ist einfacher, vielleicht auch populärer.

Jedenfalls habe ich als Zentraleuropäer und braver Katholik ein sauschlechtes Gewissen. Dazu kommen noch unsere unbedachten »Strafmaßnahmen«, in die sich Europa, je weniger sie wirken, desto mehr hineinsteigern. Unvorstellbares Leid und Zerstörung im Krieg, ungeahnter Mangel hier und dort durch »Gegenmaßnahmen«, von den unübersehbaren Kosten und der rasenden Inflation ganz zu schweigen.

Statt immer mehr Rache zu verlangen, »schwere Waffen«, Präzisionsraketen, und bei uns hier auf Gebäuden aller Art die Ukraine-Flagge zu hissen (die syrische, links, hängt nirgends), muss man jetzt schauen, den Krieg zu Ende zu bekommen. Immer mehr draufzuhauen mag tapfer sein, heldenhaft, todesmutig; den Wiederaufbau zu versprechen vorausschauend, doch durch Strafmaßnahmen wird kein Friede. 

Undsoweiter. Immer so weiter. 

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