20. Dezember 2013

Brünn in Mähren

Villa Tugendhat, Schwarzfeld 45       Bild aus der Wikipedia
Wenn ich sage, ich sei in Brünn geboren, ja, wenn das sogar an­stands­los und weiter un­spe­zi­fi­ziert in meinem deut­schen Aus­weis steht, so ist mir das ganz recht.
   Man stellt sich Brünn irgendwo im Nor­­den vor, wenn man im Sü­den lebt, und vermutlich in den Ber­gen, wenn man aus dem Nor­den kommt; alte Leute mögen an irgend­eine Stadt im Osten denken.
   Nur bei der Commerzbank will’s der Computer bei der Stamm­da­ten­an­la­ge nicht ohne Weiteres nehmen.
   »Wo ist Brünn?«, fragt mich der Schalterbeamte und blickt in seinen Flachbildschirm.
   Ich sage, wie immer bei dieser Frage: »In Mähren.«
   »Wo liegt das?«, fragt er.
   »Na ja«, sag’ ich, »Böhmen und Mähren …«.
   »In welchem Staat ist das?« fragt er weiter, misstrauisch geworden.
   Ich sage: »Damals war das ein Protektorat im Deutschen Reich, davor Tschechoslowakei, vorher Altes Österreich – was möchten’s denn?«
   Er: »Wo liegt das heute?«
   Ich aber rede immer noch gegen den Commerzbankcomputer an: »Heute? Ich bin vor 72 Jahren geboren, ich bitte Sie!« Doch weiter: Tschechei wollte ich nicht sagen, das klingt modernen Menschen in Deutschland politisch unkorrekt fast wie Zigeuner, und Tschechien klingt wiederum mir ungewohnt und gekünstelt, ich sag’ ja auch nicht Tirolien, nur, weil das »früher« Tirol hieß. Also sage ich unwillig: »Tschechische Republik«.
Mein Gott, da verliere ich doch nicht wegen Brno meinen ge­­schätz­­ten Ge­burts­ort Brünn, nur um politisch brav zu sein, »pc«. Was vor siebzig Jahren meine Heimat hätte werden sollen (die ich allerdings erst gar nicht kennen­ge­lernen sollte), das halte ich doch nicht nur hoch, damit mich ein Typ von der Commerzbank fragt, wo Brünn heute liegt!

NB. Ich bin kein Revanchist, will die Geschichte nicht rückgängig machen, empfinde auch gar nichts gegen oder für Tschechen, kenne Brünn überhaupt nicht außer aus alten Stadt­an­sich­ten, und habe mein Leben lang gemieden, es weiter kennenzulernen. Prag hat mir schon gereicht. Für mich sind das tempi passati, mir ist ein Brünn wie zur Zeit meiner Geburt nicht mehr existent.

PS. Die deutsche Wikipedia schwankt bei Brünn zwischen politischer Korrektheit und passabler Lesbarkeit. Beispielhaft die Bildauswahl: So sieht man zuallererst einen »Blick auf Brünn von der Festung Špilberk«, was mir doch sehr nach Spielberg klingt. Der Einmarsch der deutschen Truppen ist gleich zu sehen, weiter unten kommt dann doch noch ein »Mährisches Landesmuseum« und die Villa Tugendhat, siehe hier oben Wikipedia-historisch: »1277 ist zum ersten Mal die Festung Špilberk, damals als Burg, erwähnt.« – Guter Link zum Spielberg hier. Interessant Brünn im Meyers 1905-1909.

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