21. Juni 2016

1936

Liebe Tochter,
   du nimmtst gerade das Dritte Reich durch in der Schule. Dazu Persönliches aus unserer Familie (1) und ein Einblick in den »Völkischen Beobachter« Angang Oktober 1936 (2). Als Blog, weil ich dann noch korrigieren kann.

(1)  Meine beiden Großväter haben ihre Erinnerungen zu Papier gebracht, und ich sie ins Netz: www.Joern.De/Aehren.htm von meinem Großvater väterlicherseits, der damals in Pommern lebte, und www.Joern.De/Hoedl.htm von meinem Großvater mütterlicherseits, der mich nach dem Tod meines Vaters und dem nötigen Wegzug meiner Mutter nach dem Krieg in Südtirol erzogen und geprägt hat.

Meine (»erste«) Taufe durch meinen Großvater. 1941
(1a) Mein Großvater väterlicherseits (1873—1963), ein Prediger, schreibt wenig über »die neue Zeit« (Links sind hier blau!). Allerdings berichtet er von Flüchtlingen aus dem Sudetengau, später von Hei­mat­ver­trie­be­nen aus Westpreußen. Unter politischer, nein »weltanschaulicher« Beobachtung stand auch er und sollte nicht mit den Flüchtligen beten. Wie er das gelöst hat, steht in den Memoiren. »Dann kam mit all seiner unaussprechlichen Not der schreckliche Krieg, der auch mir vier Söhne kostete.« – »Zuletzt war der Feind auf sechs Kilometer herangekommen. Der Strom der Flüchtlinge flutete an unserem Haus vo­rü­ber, oft von Tieffliegern beschossen. Am 4. März 1945 hielt ich den letzten Gottesdienst in meinem Heim.«
   Du siehst, dieser dein Urgroßvater war ein frommer Mann mit reinem Herzen, sonst nichts … sage ich mit Ehrfurcht. Lies nur weiter in seiner »Ährenlese«.

Großvater Hödl als Waldbauer, ca. 1960
(1b) Meine Großeltern mütterlicherseits und meine Mutter lebten in Brünn und gehörten zur deutschen Minderheit (1921: 212.000 Ew., 26% Deutsche, Quelle FA\BrünnEnde.pdf). Dort bin ich auch geboren, 1941. Großvater Hödl (1881—1972) war sehr tüchtig, das ganze Gegenteil meines anderen Großvaters.
   Im alten Österreich-Ungarn hatten die Nationen recht gut zusammengelebt, obwohl auch dort Nationalismus Trend wurde. Sogar die Juden wollten einen eigenen Staat. Wie heute in Südtirol wusste man von jedem, was für einer er oder sie war (heute: »Ethnie«), dort also Tscheche, Deutscher usw. Auch Juden wurden so gesehen, wie die anderen auch als eigenständige aber »integrierte« Gruppe. Es gab wie immer, wenn man das Anderssein eines anderen nicht peinlich verschweigt, Vorurteile, vermeintliche Gruppeneigenschaften, Witze übereinander, gelegentlich auch Streitigkeiten – aber selten. Dazu kam, dass sich die Gesellschaft damals noch stark in Reichtumsgruppen gliederte.
   Wir hatten eine tschechische Köchin, zeitweise eine französische Erzieherin. Auch der Chauffeur Otto Jelinek war ein Tscheche. Genug.
   Wie erlebte mein sel. Großvater den Einmarsch der Deutschen? Er schreibt darüber, und holt im Kapitel über den Nationalsozialismus erst ein wenig aus. Wie bedrohlich er die Zeit empfand, und wie gefährlich sie für Juden wurde:
   »Nach dem Anschluß des Sudetengaus hatte Hitler im Reichstag erklärt, man werde ihm doch nicht die Dummheit zumuten, dass er fremdes Volkstum dem Deutschen Reich angliedern wolle. Ein paar Monate später tat er’s, am 15. März 1939 errichtete er zufolge eines Vertrages mit dem Staatspräsidenten Hácha das ›Protektorat Böhmen und Mähren‹ und setze einen Reichspräsidenten ein [korrekt: ›Reichs­pro­tek­tor‹. fj]. Hier konnte ich nicht mehr mittun, von hier an versagte mein Vertrauen zum ›Führer‹«.
   Zum Kapitel »Das nationalsozialistischen Regime wirkt sich aus« ein paar Erläuterungen.
 • »Von meinen jüdischen Mitarbeitern«: Großvater war Generaldirektor der »Ersten Brünner Maschinenfabriks-Gesellschaft«, kurz »Ersten Brünner«, mit 6.000 (oder 10.000) Mitarbeitern. Hier ihre ausführliche Geschichte, auch hier. In der deutschen Wikipedia ist nichts zu finden, bis auf die 1936 zugegliederte »Brünn-Königsfelder Maschinen- und Waggonfabriks AG«, als »Královopolská«, wobei die NS-Zeit politisch korrekt ausgespart bleibt.
• »Hausdurchsuchungen […] wie es heute im analogen Fall die Kommunisten machen ... « bezieht sich auf die DDR. Großvater schrieb seine Memoiren in den Neunzehnhundersechzigejahren.
• »Mariandl«, deine Großmutter in Hallein, heute 96-jährig.
   Wenn dich Einzelheiten aus der Firma weniger interessieren, solltest du bei »Familiengeschehnissen« weiterlesen. Über die Flucht der Großeltern im April 1945 liest du dann im Kapitel »Zusammenbruch«.

(2) Anfang Oktober 1936
   Auf der Suche nach Belegen zu einem von der NS-Propaganda groß herausgestellen »Treffen der Kriegsdichter« – mehr dazu im Blog – habe ich viel im »Völkischen Beobachter« gelesen, der damals in Deutschland »führenden« Zeitung und »Kampfblatt der national-sozialistischen Bewegung Großdeutschlands«, und Ausschnitte ins Netz gestellt. Es ist interessant, einen originalen Blick, eine Momentaufnahme in die Zeit zu machen. Dazu habe ich (in der Universitätsbibliothek als Carla Jörn) auch etwas Reklame und Nebensächliches kopiert.  
Geh mit der Zeit. Lies den VB
(Völkischen Beobachter) 15.10.36
   Fraktur, die erst 1943 als »Schwabacher Judenlettern« verboten wurde, kannst du ja lesen – wobei ich selbst bei »formtreu« erst hatte raten müssen. Ich hole Beispiele heraus.
• »Arbeitslosenzahl um 63.000 zurückgegangen« auf ca. eine Million. Damit beginnt mein allgemeiner Teil. Leider sind die Kopien vom Mikrofilm schecht.
• Unglaublich. Ein »Appell an die Deutsche Disziplin« war am 13.10.36 Aufmacher, »Madrid von Schützengräben umgeben«, »Bewaffnetes Mittelmeer-Revolutionszentrum von Moskau organisiert«.
• Energiewende schon damals: »Elektrizität – ein heimischer Treibstoff. Im Stadtverkehr billiger als Benzin. Warum trotzdem so wenig Absatz von Elektrofahrzeugen?«
• Den Opel Olympia gibt’s für 2350 Mark.
• »Kraft durch Freude«
• Zum Schluss hier eine Anzeige für die Zeitung selbst, mit einem sehr »arischen« SS-Mann.
*
Erschütternd auch ein Prachtbändchen aus dem Jahr 1936 »Aus wehrhaftem Geiste«.
Link hierher: http://blogabissl.blogspot.com/2016/06/1936.html

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