10. November 2020

Reichskristallnacht

Magdeburg – Zerstörtes jüdisches Geschäft
nach der »Reichskristallnacht« am 9.11.1938.–
Bekleidungsgeschäft mit zerbrochenen Glasscheiben.
Aufnahme: H. Friedrich, Hannover. Bundesarchiv

Die Kristallnacht. Das schreckliche Ereignis kenne ich noch unter dem alten Namen »Reichskristallnacht«. Ich höre da förmlich das Klirren der berstenden Fensterscheiben (»Kristall«), das Gejohle des zum Teil herangekarrten »Volkes«, den Aufruhr, knallende Stiefel, nächtliche Kommandos, und ich fühle den starren Schrecken der Bewohner, sehe nun die endgültige Recht- und Machtlosigkeit deutscher Juden, ihre Entehrung. Das Geschehen war so ungeheuerlich, so provokativ, dass … Nun, ich kann es mir nicht vorstellen. Wir Nachkriegsgeneration mögen Naturkatastrophen kennen, menschliche wie Kriege kennen wir nicht wirklich. Kriege sind uns Bundesbürgern »hinten, weit, in der Türkei, [wenn] die Völker aufeinander schlagen« (siehe unten). Wir kennen Krieg hier im Westen nur vom Hörensagen, aus Bildern, früher der Wochenschau, heute aus Krimis und James-Bond-Filmen. Die nächtlichen Raketen auf Bagdad, die zogen 2003 fern wie ein Feuerwerk auf der anderen Seite des Flusses über den Bildschirm.
   Auch Juden kennen wir nicht mehr. Mein sel. Großvater, bei dem ich als Kriegswaise liebevoll aufwuchs, sprach noch ganz natürlich und ohne zu Zögern von seinen jüdischen Freunden, Jude war ihm ein Begriff wie Mann oder Frau, wie Deutscher oder Italiener in Südtirol. Alle paar Jahre kam uns die befreundete Familie Wechsberg aus Amerika mit ihrem Buick besuchen, der mich Jungen sehr beeindruckte. Inzwischen ist »Jude« aus unserem Charakterisieren eines Mitmenschen furchtsam und »politisch korrekt« verschwunden wie das »Fräulein« seligen Angedenkens.
   Für andere »Minderheiten« hat die heutige Sprachübung immer wieder wechselnde Bezeichnungen erfunden: Neger wurden zu Schwarzen, Schwarze zu Farbigen, dann zu Afroamerikanern. Zigeuner – der Ausdruck hat für uns nichts Böses – sind nun Sinti und oder Roma, doch beliebter wurden sie nicht dadurch. Begrifflich blieben Juden wenigstens standhaft Juden, wandelten sich nicht. Solche Sprachbewegungen gab es auch sonst: Schwerbeschädigte sind heute Behinderte und bald wohl begrifflich noch unscheinbarer (vielleicht Inklusionierte?). Den Begriff Holocaust verwenden wir erst seit 1978. Davor nannte man den Tod in Auschwitz drastisch und klar Vergasen.
   Ich selbst bekam nur mehr durch Zufall mit, wenn einer ein Jude war, nicht nur bei Wechsbergs. So haben wir im Internat einmal einen wenig sympathischen Mitschüler eine kurze Zeit lang ziemlich krass gemobbt – mit Klopapiergirlanden und dem Spruch »Haut ihm den Zinken zu Kapusta«. Bis dann unser Erzieher, Herr Braunbeck, darauf hinwies, dass das als Antisemitismus gedeutet werden könnte. Da hörten wir (etwa 13-Jährige) erschrocken gleich auf. Ich weiß, ich war damals Kameradschaftssprecher und musste die Angelegenheit diskret absagen. Der jüdische Junge ist dann bald weg von unserer Schule und heute nach einem tüchtigen Managerleben Professor emeritus.
   Meine Hochschätzung von Juden ist eigentlich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt gestiegen. Ein Schlüsselerlebnis war mir eine Europareise der Handelskammer von San Franzisko, für die ich Teilereignisse organisierte. Doch die Elite sind für mich Prager Juden! Sie sind Vergangenheit, und das alles ist Philosemitismus, und den verkneife ich mir öffentlich.
   Sonderbar, dass wir so sehr Minderheiten fördern, aber versuchen, sie nicht zu erkennen, nicht hervorzuheben. Multikulti ist zu einem Einheitsbrei geworden, zu Integration, mit der Folge, dass zwar einzelne Schandtaten wie islamistische Anschläge bestimmten Gruppen zugeordnet werden, dass man sich aber scheut, positive Eigenschaften zu nennen, eine Gruppe hervorzuheben, herauszukennen, ehrend, hochachtend, bewundernd. Darf man sagen, dass die Russen unter uns besonders fleißig sind, wunderbar Klavier spielen können oder dergleichen? Das fällt unter Rassismus. Wenn’s ein Lob ist, positiv konnotiert, dann sicher nur als argumentative Vorbeugung gegen ein gleich darauf folgendes Aber. Aber nichts!
   Vorsichtshalber weiche ich lieber auf Schwule aus. Wir kennen sehr viele hier sehr freundschaftlich. Doch die meisten verheimlichen sich nach wie vor; es geht ja auch niemanden etwas an, was man privat tut.
   Eine eigenartige Gebücktheit, ein Herumdrucksen ist an die Stelle offenen Umgangs miteinander getreten. Schade. Nicht einmal nach der Herkunft fragen soll man …

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Sollten Sie an diesen Ausführungen oder Teilen davon Anstoß nehmen, so schreiben Sie mir bitte. Ich weiß wohl, dass Schweigen Gold ist, ich finde nur: Es bringt keine Zinsen.

• Großvaters Memoiren zum Thema http://joern.de/hoedl.htm#Judenfrage
• Link zu meiner Studie über den Begriff Neger https://blogabissl.blogspot.com/2019/03/neger.html
• Die Geschichte von Pierre Mendell, 1929—2008, liebevoll aufgezeichnet von Wolfgang Beinert https://www.typolexikon.de/mendell-pierre/
• Faust I, Zeile 860
Andrer Bürger.
Nichts bessers weiß ich mir an Sonn- und Feyertagen,
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrey,
Wenn hinten, weit, in der Türkey,
Die Völker auf einander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man Abends froh nach Haus,
Und segnet Fried’ und Friedenszeiten.
• Bombardierung Bagdads 20.3.2003 https://youtu.be/2fclmvIsubk zehn Minuten
• Zur Frage »Woher kommst du?« die Süddeutsche Zeitung
   https://www.sueddeutsche.de/politik/herkunft-diskriminierung-bohlen-1.4350327

Zum Vergrößern klickbar.
Micky Maus Nr. 37, 6.9.1989,
DM 2,50, Seite 27, Ausschnitt
 

 

 

 

 

 

 

 

Die Nennung eines »Bankiers Grünspan« wäre heute vermutlich nicht mehr opportun. 


Link hierher https://bit.ly/fj3eKuC4w
 = https://blogabissl.blogspot.com/2020/11/reichskristallnacht.html

 
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