29. Januar 2016

Warum konnten sie 1944 nicht aufhören?

Die Neue Zürcher Zeitung bespricht am 27. Januar ein Buch:
   Fatalismus und Durchhaltewille der Deutschen im Zweiten Weltkrieg
«Warum hören sie nicht endlich auf?»
Der australische Historiker Nicholas Stargardt hat ein bemerkenswertes Buch über die Mentalität der Deutschen geschrieben, die auch dann nicht aufgaben, als der Zweite Weltkrieg bereits verloren war.
   – Soweit der Titel der Buchbesprechung.

Soldatenfriedhof Reifferscheid. Aus meinem Album Reifferscheid, 2010
Ich selbst hatte mich das auch gefragt, vor Jahren schon in einem Beitrag für die »Kriegsgräberfürsorge«, hier nachzulesen.
   Inzwischen habe ich von meiner Mutter zwei Briefe bekommen, in denen (auf ihren drängenden Wunsch hin) ein Kamerad meines Vaters die Umstände seines Todes detailliert beschreibt*): »Ihr Herr Gemahl wollte für die nachfolgenden Truppen die Stetigkeit des Vormarsches gewährleistet wissen und drängte auf rasche Überwindung dieser Linie. Durch persönlichen Einsatz in vorderster Front gelang es Ihrem Gatten, seine Soldaten mitzureißen und zu höchster Tapferkeit … « usw., schreckliche Dokumente durch ihrer Nähe zum Geschehen – aus heutiger ferner, intellektueller Sicht.
   Dem Buch und der Besprechung muss man widersprechen. Hier mein Kommentar, unter dem Artikel nachzulesen:
   Starker Tobak, dieser »moralische Niedergang der Deutschen bis 1945«. Ich zitiere einmal aus den Memoiren meines sel. Großvaters: »Nach dem Anschluss des Sudetengaus hatte Hitler im Reichstag erklärt, man werde ihm doch nicht die Dummheit zumuten, dass er fremdes Volkstum dem Deutschen Reich angliedern wolle. Ein paar Monate später tat er’s, am 15. März 1939 errichtete er zufolge eines Vertrages mit dem Staatspräsidenten Hácha das ›Protektorat Böhmen und Mähren‹ und setze einen Reichspräsidenten ein [korrekt: ›Reichsprotektor‹. fj]. Hier konnte ich nicht mehr mittun, von hier an versagte mein Vertrauen zum ›Führer‹«. Damit hatte für ihn der ungerechte Krieg begonnen, nicht erst mit dem Polenüberfall. Mein Vater, aus streng protestantischer Famile, fiel 1944 bei einem von ihm geführten Angriff in der Eifel. Warum, um Gottes Willen, hat er den noch versucht? Sicher nicht aus der Erwartung auf einen »Endsieg«, gewiss nicht in Gedanken an Juden, nicht aus Rache oder Angst. Er muss es wohl als seine Pflicht empfunden haben; etwas sehr einfaches, was wir uns heute so nicht mehr vorstellen können.

*) Bei mir: Bilder\VaterJörn\readme.doc u. a.

Link hierher: http://blogabissl.blogspot.com/2016/01/warum-konnten-sie-1944-nicht-aufhoren.html

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