4. April 2009

GPSed Track "SamstagBonn"


View my new track "SamstagBonn" started in Germany, North Rhine-Westphalia, Koeln.

Powered by GPSed.com - Free Mobile GPS Tracking Service



22. März 2009

GPSed Track "Oberpleis"


View my new track "Oberpleis" started in Germany, North Rhine-Westphalia, Koeln.

Powered by GPSed.com - Free Mobile GPS Tracking Service



8. März 2009

«pro multis» im Schott seligen Angedenkens,
darunter im Messbuch der Jahrhundertwende
… pro multis … – für viele, so stand das fast zweitausend Jahre lang bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil noch fest, fest verankert in der lateinischen Messe, in Latein, damals der einzig gültigen Sprache der Kirche. Es geht um die Wandlung des Weines: Hic est enim Calix Sánguinis mei, novi et ætérni testaménti: mystérium fídei: qui pro vobis et pro multis effundétur in remissiónem peccatórum. Mein Schott hat das rechts (auf Seite 405) noch richtig übersetzt: »Das ist der Kelch Meines Blutes, des neuen und ewigen Bundes – Geheimnis des Glaubens –, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.«

«pro multis» im aktuellen Messbuch –
an das sich die deutsche Kurie aber nicht hält …

Daraus ist dann – ohne Geheimnis – geworden: »Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden.« Auf einmal sind es nicht bloß viele, sondern alle, für die Jesu Blut vergossen wird. Alle kommen in den Himmel, Hölle und Fegefeuer sind geschlossen, Gott hat uns alle lieb, ganz gleich, ob wir an ihn glauben oder nicht. Ist das der Tenor? Jedenfalls schreibt die Wikipedia unter dem Stichwort Konsekration, dass entsprechend einem Schreiben vom 17. Oktober 2006, Protokollnummer 467/05/L, von Francis Kardinal Arinze, dem Vorsitzenden der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, an die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der Welt, pro multis gefälligst wieder mit »für viele« übersetzt werden soll. Es wurde den Bischofskonferenzen ein Zeitraum von zwei Jahren eingeräumt, die Gläubigen auf die (erneute) Übersetzungsänderung vorzubereiten.

Es schließt sich eine eifrige theologische Diskussion an. Erstens wird argumentiert, dass es am Gründonnerstag vor diesen Wandlungsworten heißt (Schott Seite 306): Qui prídie, quam pro nostra omniúmque salúte paterétur, hoc est hódie, accépit panem, etc. (pag. 405) – »Er nahm am Abend, bevor Er für unser und aller Heil litt, das ist heute, Brot usw. (S. 405).« Hier leidet Jesus für alle. Wie man sieht, folgen dann aber dieselben Wandlungsworte, in denen es (vielleicht?) um mehr als Christi Leiden geht, um die Vergebung der Sünden. Als Zweites liest man in der Bitte des Vatikans, ad multis doch richtig zu übersetzen, wörtlich: »In der Tat würde die Formel ›für alle‹ zweifellos einer richtigen Interpretation der Intention des Herrn entsprechen, die in diesem Text zum Ausdruck kommt. Es ist ein Glaubensdogma, dass Christus für alle Menschen am Kreuz gestorben ist (Joh 11, 52; 2 Kor 5, 14-15; Titus 2, 11; 1 Joh 2, 2).« Warum also nicht bei allen bleiben, zumal Rom in den Siebziger Jahren alle abgesegnet haben soll? Die Hölle scheint doch nicht abgeschafft worden zu sein. Ach was, ich schreibe das doch nur laienhaft-polemisch. Ich mag’s halt präzise, nicht politisch korrekt. Viel seriösere Argumente findet man beispielsweise von Helmut Hoping.

Wer mag, kann noch mehr zum Thema peri/hyper pollon googeln (περί, peri = wegen; ὑπέρ, hyper = für; πολλόν, pollôn = viele). So berichtet ein Pater Wildfeuer: »Als dagegen bei der deutschprachigen Bischofskonferenz in Salzburg 1974 der Erzbischof von Paderborn, Degenhardt, den Antrag stellte, die Worte für alle bei der heiligen Wandlung durch die ursprünglichen für viele zu ersetzen, lehnte die Mehrheit den Antrag mit dem Bemerken ab, man könne nicht schon wieder etwas ändern.« Über das griechische Original schreibt er: »Der Befund ist eindeutig, eindeutiger könnte er gar nicht sein, und zwar auch bei allen Varianten: für viele – und zwar ohne Artikel: Mt 26,28: perí pollón und Mk 14,24: hypér pollón. Bei Lk wird nur das für euch erwähnt (22,20); Joh berichtet die Einsetzung der Eucharistie nicht und Paulus sagt in 1Kor 11,25 nur lapidar: ›Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blute.‹ Andere Stellen gibt es dazu im NT nicht.« Weiter unten geht es dann doch wieder um (oder in) die Hölle: »Christus stirbt jedoch nicht für alle, sondern nur für viele in dem Sinn, dass nicht allen tatsächlich die Sünden vergeben werden. Nicht alle erlangen effektiv das Heil. Zu Christi größtem Schmerz gibt es Menschen, an deren Seele sein Opfertod nicht wirksam wird (eingeschränkte Heilswirksamkeit). ›Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und gar viele kommen dadurch hinein‹ (Mt 7,13). (Ob es wohl einen modernen Exegeten gibt, der hier viele mit alle wiedergäbe?)«

Was meint wohl Papst Benedikt? Ich weiß es nicht, fand aber eine Fronleichnamspredigt vom 7. Juni 2007 zur Eucharistie: «Nel brano evangelico poc’anzi proclamato san Luca, narrandoci il miracolo della moltiplicazione dei cinque pani e due pesci con cui Gesù sfamò la folla ‹in una zona deserta›, conclude dicendo: ‹Tutti ne mangiarono e si saziarono› (cfr Lc 9,11b–17). Vorrei in primo luogo sottolineare questo ‹tutti›. E’ infatti desiderio del Signore che ogni essere umano si nutra dell’Eucaristia, perché l’Eucaristia è per tutti. Se nel Giovedì Santo viene posto in evidenza lo stretto rapporto che esiste tra l’Ultima Cena e il mistero della morte di Gesù in croce, quest’oggi, festa del Corpus Domini, con la processione e l’adorazione corale dell’Eucaristia si richiama l’attenzione sul fatto che Cristo si è immolato per l’intera umanità.» – »Es ist in der Tat der Wunsch des Herren, dass sich jedes menschliche Wesen von der Eucharistie nähre, denn die Eucharistie ist für alle.« (Offizielle Übersetzung siehe 5. Abschnitt seiner Predigt)

Soviel zum Thema »Wir basteln uns einen Messetext«.

Weitere mehr oder weniger christliche Gedanken von mir:
Blog vom 15. 2. 9 über Clemens Pickel, den Bischof von Saratow, 6.2.9 über Richard Williamson und 3.2.9 über das Übel im Vaterunser
Zur Namen-Jesu-Kirche in Bonn, 27.12.8
Gedanken zu billig und heilsam und zu Gott, der mich erfreut von Jugend an.
Wie der Scheffel in den Eimer gekommen ist.

Im Übrigen ist die nachkonziliäre lateinische Messe nicht erst durch Papst Benedikt wieder erlaubt worden. Schon Johannes Paul II. bat die Bischöfe in seinem Motu Proprio Ecclesia Dei (5c, zweiter Absatz) 1988, den Gläubigen, »die sich der Tradition der lateinischen Liturgie verbunden fühlen«, großzügig die alte Form der Meßfeier zu ermöglichen – in Bonn jede zweite Woche, ebenso in der Petrusbrüderschaft – nicht zu verwechseln mit der vieldiskutierten Piusbrüderschaft, von der sie sich getrennt hat. Hier ein Artikel der Welt vom 22. 9. 2008. Mehr in der Wikipedia und bei Pro Missa Tridentina.

PS. Erst am 25. Mai 2012  hat Papst Benedikt XVI. die deutschen Bischöfe wieder dazu aufgefordert, »für viele« zu sagen.
Deutscher Bericht von Radio Vatikan, aufgeregte Online-Kommentare, hier
Papstbrief, m. E. wieder sehr beeindruckend, hier
Diesmal großes Presseecho.

Inzwischen steht pro multis im neuen Gotteslob, siehe
http://blogabissl.blogspot.com/2014/02/promultis.html

 S. a. http://www.kath-info.de/dbk.html

Link hierher:
http://blogabissl.blogspot.com/2009/03/pro-multis-fur-viele-so-stand-das-fast.html

1. März 2009

Die Freiheit bedroht sieht Reiner Kunze durch die Ignoranz der Politiker. Er meint mehr als nur Ignoranz, und er meint mehr als Freiheit: Die Demokratie ist gefährdet. »Es kommt nicht darauf an, den Freiheitsgedanken attraktiver zu machen, sondern es käme – ich bediene mich bewußt des Konjunktivs – darauf an, in der freiheitlichen Demokratie so zu leben und, was das politische, ökonomische und im weitesten Sinne intellektuelle Establishment betrifft, die Demokratie so vorzuleben, daß die Bürger auf den Gedanken kommen, es gibt im Zusammenleben der Menschen Gleichwertiges, aber nichts Wertvolleres als die Freiheit.« – der Mann spricht mir (bissl kompliziert) aus der Seele. Dass er seine Politikerschelte an der Rechtschreibreform festmacht – der Artikel in der Welt am Sonntag vom 1. März 2009 heißt »Was die Rechtschreibreform mit der Freiheit zu tun hat« – finde ich persönlich natürlich weniger überzeugend, aber das macht nichts. Jeder von uns stößt sich anderswo an diesem Staat, der ihn ignoriert, gegen die Wand laufen lässt. Bei Reiner Kunze war es vielleicht die anscheinend undemokratisch durchgezogene Rechtschreibreform – und wenn das Volk das Gefühl hat, es sei bei einem Entschluss undemokratisch zugegangen, so war er undemokratisch! –, bei einem anderen ist es die übertriebene Besteuerung, bei wieder einem anderen die ungerechte Verteilung oder offensichtliche Geldverschwendung oder Vernachlässigung öffentlichen Gutes. Immer stehen wir dann nicht mehr hinter der Demokratie sondern wünschen uns einen vermeintlich starken Staat, der das dann anders gerichtet hätte, richtet, oder richten soll. Freiheit, Demokratie, die müssen notfalls weichen – so wird aus Demokratieverdruss argumentiert.

Ich meine nur, dass es nicht mangelnde menschliche Qualitäten von Politikern sind – Kunze spricht von »Machtarroganz« –, sondern der Filz des Systems, die Lobbykratie, die vielen Regierungsschichten (Gemeinde, Kreis, Land, Staat, Europa, …) durch die keiner von ihnen durchsteigt. Die Vorstellung, der Staat müsse besser, moralischer, vorsorglicher usw. sein als irgendwer sonst, stammt aus einer Staatsvorstellung, die vielleicht unbewusst von Kunze erfahren wurde, die aber auch bei reinen »Westlern« grassiert. Naiv. Die Freiheit ist ja gerade deshalb nötig, weil der Staat nicht besser, ordentlicher, väterlicher usw. ist. Ein System, das gute Politiker braucht, ist schon verurteilt – zu Unfreiheit.

Sehr gefallen haben mir Kunzes belegte kleine Beispiele von DDR-Willkür, nachzulesen in seinem »Gespräch über die [Reiner-und-Elisabeth-Kunze-]Stiftung«.

Wie gerne hätte ich noch ein Bild der Papiertüte aus Westberlin, auf der der Slogan »Aus deutschen Landen frisch auf den Tisch« mit einer stilisierten Deutschlandkarte mit viel Grün und ein paar blauen Strichen illustriert war. Wegen dieser Tüte – das erfuhren wir aber erst ganz am Ende! – wurden meine Freundin und ich beim Betreten der Hauptstadt der DDR getrennt hochnotpeinlich eine halbe Stunde lang verhört. Der Zeichner hatte rechts eine blaue Linie zu viel gezogen: die Oder. Ohne dem Gewässer irgendeinen Namen gegeben zu haben signalisierte die Tüte damit einen gesamtdeutschen Anspruch, wurde nach den Verhören eingezogen und uns kostenlos durch eine neutrale ersetzt.

15. Februar 2009

»Der gute Mensch von Saratow«

So hieß wohl eine Sendung der Deutschen Welle im Jahr 2004. Gemeint war der katholische Bischof Clemens Pickel von Saratow an der Wolga. Ich bin durch die kleinen Morgen­andachten im Deutsch­land­funk auf ihn gestoßen. Seine Ge­schich­ten aus den Weiten Russ­lands und den Tiefen alter Frömmig­keit haben mich sehr berührt, zumal ich selbst einmal so eine Geschichte zu­sammen­gestellt habe, von der Frau in Hannover, für die der zweite Weltkrieg 49 Jahre lang gedauert hat.

Hier ein kurzer Lebenslauf Clemens Pickels (wie das Foto vom MDR übernommen):
• Geboren am 17. August 1961 in Colditz bei Leipzig
• Studium am einzigen Priesterseminar der ehemaligen DDR in Erfurt
• Kaplan in Kamenz, danach ein Jahr in Dushanbe in Tadshikistan
• 1991 wurde er Pfarrer von Marx an der Wolga
• Papst Johannes Paul II. ernannte Clemens Pickel am 23. März 1998 zum Weihbischof, wenig später wurde er Bischof
• Weihbischof für die Katholiken im südlichen Teil der Apostolischen Administratur in Moskau
• 2002 errichtete Papst Johannes Paul II. die Diözese St. Clemens, der Bischof Clemens Pickel vorsteht. Der Bischofssitz befindet sich in Saratow. In dem Gebiet der Diözese, das etwa viermal so groß ist wie Deutschland, leben rund 35.000 Katholiken in rund 57 Gemeinden. Es gibt rund 40 Priester und etwa 50 Ordensschwestern.

Von Clemens Pickel habe ich den Film gefunden, und eben seine Vorträge in Deutschlandfunk und im Mitteldeutschen Rundfunk. Ich empfehle seine Geschichten nachzuhören (anklicken) und nachzulesen (Link Text). Die Vorträge im MDR und DLF unterscheiden sich teilweise, die Geschichten sind dieselben. Hier die gesammelten Texte vom Deutschlandfunk.
1. Frau Stöcklein – die wolgadeutsche Großmutter
DLF: http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2009/02/09/dlf_20090209_0635_9c065cd3.mp3
Text DLF: http://www.Joern.De/DLFPickelTexte.pdf
Text MDR: http://www.mdr.de/mdr1-radio-sachsen/6045810.html
DLF-Morgenandacht Montag 9.2.2009, MDR 12.1.2009, Länge 4.28 Minuten

2. Die Ordensschwester
DLF: http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2009/02/10/dlf_20090210_0635_9c072bfd.mp3
Text DFL: http://www.Joern.De/DLFPickelTexte.pdf
Text MDR: http://www.mdr.de/mdr1-radio-sachsen/6047998.htmlDLF-Morgenandacht Dienstag 10.2.2009, MDR 13.1.2009, Länge 4:11 Minuten

3. Hilfe beim Schuhkauf
DLF: http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2009/02/11/dlf_20090211_0635_ac07ae74.mp3
Text DLF: http://www.Joern.De/DLFPickelTexte.pdf
Text MDR: http://www.mdr.de/mdr1-radio-sachsen/6052334.html
DLF-Morgenandacht Mittwoch 11.2.2009, MDR 14.1.2009, Länge 4.22 Minuten

4. Priestersuche
DLF: http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2009/02/12/dlf_20090212_0634_4c081d70.mp3
Text DLF: http://www.Joern.De/DLFPickelTexte.pdf
Text MDR: http://www.mdr.de/mdr1-radio-sachsen/6054869.htmlDLF-Morgenandacht Donnerstag 12.2.2009, MDR 15.1.2009, Länge 6.34 Minuten

5. Der Schatz im Acker
DLF: http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2009/02/13/dlf_20090213_0634_ec089d45.mp3
Text DLF: http://www.Joern.De/DLFPickelTexte.pdf
Text MDR: http://www.mdr.de/mdr1-radio-sachsen/6054873.html
DLF-Morgenandacht Freitag 13.2.2009, MDR 16. 1. 2009, Länge 4.26 Minuten

6. Ufa (Stadt in Russland, Mord an 187 Katholiken 1936)
DLF: http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2009/02/14/dlf_20090214_0635_cc092d80.mp3
Text DLF: http://www.Joern.De/DLFPickelTexte.pdf
Text MDR: http://www.mdr.de/mdr1-radio-sachsen/6059289.html
DLF-Morgenandacht Samstag 14.2.2009, MDR 17.1.2009, Länge 4.30 Minuten

Und hier »Der gute Mensch von Saratow«, Video, 26. Juli 2008, 30':

http://www.youtube.com/watch?v=FVG5kWQUa_k

Ein Interview mit u. a. Clemens Pickel vom 14. Januar 2009, 28':
[Juni 2013: Die Links hier waren nicht mehr aktuell, leider. Bitte versuchen Sie die Youtube-Adressen und suchen Sie auf Youtube selbst, etwa nach "Clemens Pickel". fj]

Bitte lasset mich wissen, wenn einer der Links nicht (mehr) funktioniert. Die Mailadresse Clemens Pickels habe ich im Internet gefunden, mag sie aber hier nicht wiedergeben. Hier sein Eintrag in der »Kathpedia«. Sein kommendes Buch, »Ein deutscher Bischof in Russland«, kostet zehn Euro. Es ist kein Tagebuch, eher eine Sammlung von Briefen an Freunde seit 1990 und erscheint am 6. März 2009.

Hier noch ein deutscher Film aus Russland aus dem Jahr 1998 (25'):
Das Kirchenschiff auf der Wolga – »Das Schiff Gottes«
http://www.youtube.com/watch?v=3Jpn5jqyIpg


6. Februar 2009

Das Entsetzliche an Bischof Richard Williamson sind nicht einmal seine Leugnungen, unter anderem vom Angriff der Japaner auf Pearl Harbour, den tödlichen Schüssen Lee Harvey Oswalds auf Kennedy, arabischen Terroristen beim Anschlag auf das World Trade Center – und den Gaskammern in den KZs – das Entsetzliche in diesem Interview vom 21. 1. 2009 ist sein kühl-technisches Insistieren, Gaskammern hätten faktisch anders gebaut sein müssen. Keine Spur des Grauens:



Ich habe diesen fernen Bischof, der den Papst hat stolpern lassen, bissl gegoogelt, was der Vatikan vielleicht nicht gemacht hat, oder einfach den fromm-theologischen Benedikt ins Messer hat laufen lassen.

Williamson sieht sich verfolgt von einer Ver­schwörung von »Möchte­ger­narchi­tekten einer neuen Welt­ordnung«, die »schon seit langem drei Welt­kriege geplant haben«, nach­zu­lesen zum Beispiel in seinem Brief vom 1. Oktober 2001 »World Trade Center, Geißel der Sünde«. Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man ihn als humor­losen Spinner abtun, der sich einen ganzen Weihnachtsbrief lang damit aufhält, The Sound of Music (deutsch »Meine Lieder – meine Träume«) zu verteufeln, weil darin »Freund­lich­keit und Spass an die Stelle von Autorität und Regeln« gestellt wird. Ja, schreibt er da, »wenn einer kein Problem mit Sound of Music (1965) hat, wie kann er dann eines mit dem Zweiten Vatikanum (1962—1965) haben? Die zeitliche Übereinstimmung ist kein Zufall.« Und so weiter. Emotionloser lese man nach über ihn etwa in der Süddeutschen oder im Tagesspiegel.

Nur ist die Exkommunikation kein Mittel gegen Hirn­gespinste, und vergleichsweise sehen nicht einmal die zahlreichen gesetzlichen Holo­caust­leugnungs­verbote eine Ab­erkennung der Staats­bürgerschaft vor. Wenn, dann müssen wir uns schon mit den Inhalten auseinandersetzen (lesenswert der Wikipedia-Eintrag über die Piusbrüderschaft).

3. Februar 2009

… sondern erlöse uns von dem Übel.
(Vaterunser-Bild aus der Wikipedia. mod.)

Von einem Begräbnis zurückfahrend kamen die Gedanken auf die Erlösung, die uns der Tod sein soll. Der moderne Glaube führt uns in einen Himmel für alle, ins Licht, zu einem endlos liebenden Gott, oder wenigstens zu ewiger Ruhe. Doch die meisten glauben an gar nichts mehr, nicht an ein Leben nach dem Tod, und sie vermissen es nicht. Der Drang, erlöst zu werden, scheint gewichen zu sein, sofern man gesund und ohne Schmerzen ist. Wovon wollen wir denn erlöst werden? Was ist das Böse, das Übel, das so auffallend am Ende des wichtigsten Gebets der Christenheit steht?

Es muss ein Jammertal gewesen sein, das Leben in früheren, frömmeren Zeiten, unterdrückt von willkürlichen Herrschern, bedroht von der Natur, karg, mühsam und meist hungrig. Aus der düsteren Welt wünschte man sich heraus in einen Himmel, in ein Paradies. Alles Unrecht dieser Welt sollte nach dem Tod – oder spätestens am ›Jüngsten Tag‹ – gutgemacht werden im Fegefeuer oder gar der Hölle. Wir meinen hier, in unserem alten Europa, das Jammertal, das gäbe es nicht mehr, höchstens in fernen Ländern, für die wir dann gelegentlich sammeln. Warum beten wir dann noch »erlöse uns von dem Bösen«?

Heute früh beklagte sich ein Freund von mir über eine hartnäckige Abmahnung einer eifrigen Rechtsanwaltskanzlei, »hoffnungslos dieses Deutschland«, sagte er verärgert. Ich selbst beklage die staatliche Schuldenmacherei, das hartnäckige Besserwissen der Politiker, die Lobbykratie, die unnötigen Bundesländer, vieles, vieles mehr – das ich und keiner je wird verändern können. Und leben nicht mitten unter uns Frauen in Unterdrückung, verschleiert, von »Ehre« bedroht? Der Übel gibt es heute noch genug, hier. Wir sind machtlos, können höchstens dagegen »anbeten«.

24. Januar 2009

Parallelhandel

Hier sieht man ein übliches Mittel zum Senken hohen Blut­drucks, regulär auf Krankenkassenrezept mit gesetzlicher Zuzahlung in einer deutschen Apotheke gekauft. Packung und Beipack­zettel sind gewohnt deutsch. Die Tabletten sind blister­ver­packt und hier schon zur Hälfte verbraucht. Was fällt dem auf­merk­samen Pillen­nehmer noch auf? Nichts? Dann viel­leicht aufs Bild klicken, damit es größer wird.
Die original aufgedruckten Tage «Lun», «Mar», «Mer» etc., die sehen doch nicht so ganz geläufig aus. Ein zu­sätz­licher Über­druck wieder­holt die Chargen­nummer und kennt die Wochen­tage auf Deutsch.
Googelt man das Stichwort »Arznei­mittel­parallel­handel« so wird man fündig. Medizin wird in Europa zu sehr unter­schiedlichen Preisen verkauft, scheints je weiter südlich und östlich, desto weniger teuer. Also gibt es Umpacker, die die, sagen wir, fran­zö­si­schen oder un­ga­ri­schen Schach­teln aufmachen, die dortigen Bei­­pack­­zettel wegwerfen, und den Inhalt dann ein­ge­deutscht hier in den Handel bringen, ganz offiziell. Das Me­di­ka­men­ten­parallel­handels­volumen hat Frost & Sullivan 2005 auf rund drei Milliarden Euro geschätzt. Das Haupt­problem dabei scheinen weniger Arbeits-, Trans­port oder Handels­­auf­wand zu sein, eher Waren­zeichen- und Urheber­rechts­fragen bei den Druck­sachen. Da­ge­gen gibt es Fach­bücher: Rechts­anwalt Dr. Stefan Lieck hat 2007 seine Doktorarbeit darüber gemacht, »unter arznei­mittel-, marken- und patent­recht­li­chen Aspekten«. Das Um­packen birgt freilich auch die Gefahr gefälsch­ten Inhalts, das aber wird sich regeln lassen. »Parallel­händler begehren gegen die Pläne von EU-Kommissar Günter Ver­­heugen auf, ein EU-weites Um­pack­verbot von Arznei­mitteln durch­zu­setzen. Sie fürchten den Verlust von mehreren Tausend Arbeits­plätzen, Kosten­stei­gerungen im Gesundheits­­wesen und eine Zunahme des illegalen Medikamentenhandels«, lobbyt das deutsche Ärzteblatt.


Ich will nicht weiter recherchieren, wende mich nur mit Grauen ab von dieser unheimlichen Verwindung europäischer Gesundheitspolitik. Sonst steigt mir noch mein Blutdruck.

18. Januar 2009

Krankenhaus und Kreditkrise

Gedanken am ersten Tag im Krankenhaus, in dieser anderen, sonst Gott sei Dank fernen Welt; nach der glücklichen Entlassung ergänzt.

Beim Empfang bekommt man eine Menge maschinenlesbarer Aufkleber. Dann Aufzug, Abteilungen, Gänge mit Handläufen, Linoleum. Schließlich im Zimmer. Der Schrank ist zu klein für den Koffer. Ich hätte nichts mitbringen sollen, alles wird gestellt: Handtücher, Schlafanzug – ein hinten offener Kittel –, sogar Einmalrasierer. Kurze Vorstellung bei den Mitbewohnern (zweien, natürlich nicht im Bild), nicht gerade ein heiteres Hallo.

Erst frage ich nach der Krankheit, dann dem Beruf. Der alte Mann mit kaputten Nieren und schlechtem Herz war Stellmacher in einer LPG gewesen, der etwas jüngere Tunesier ohne Blut im Bein, hochintelligent, Schachspieler, hatte vor der Wende ein kleines Hotel in Bonn bis zur Pleite geführt; tüchtige, ehrliche, fleißige Leute, hier, wie ich, reduziert, »pazient«. Dann höre ich auf; die ausführlicheren Geschichten erfahre ich erst mit der Zeit. Es ist warm, dreiundzwanzig Grad, vom Gang herein dringen Geräusche, Gespräche, Eisenbahnstimmung. (Später irritiert mich ein hohes Pip-Piep, wie aus einem gestörten Gerät; das ist die »Klingel« für die Schwestern am Gang, es piepst, bis die Anfragen in allen Zimmern gelöscht sind, und das kann, besonders Nachts, dauern.) Der müden Reisestimmung fehlt nur das monotone Brummen der Flugzeugdüsen oder das Schaukeln und Rattern der Räder, draußen vorbeiziehende Nacht, der Wechsel der Leute. Ich werde sofort schläfrig. Jedenfalls versiegt mir im Krankenhaus jeglicher Tatendrang, na ja, ich tippe das; ein anderer tät zur Beruhigung am Pullover weiterstricken. Nur Raucher mögen nervös werden, ich bin’s Gott sei Dank nicht. Die Ärztin kommt und legt für die Zeit hier einen »Zugang« in eine Vene am linken Handgelenk . Ab dann bekomme ich tröpfchenweise Salzwasser infundiert (»isotonische Kochsalzlösung«), gut für meine Nieren.

Die Infusionsflaschen sind inzwischen ganz aus Plastik, das sie mit der Zeit bei Unterdruck einfach zusammenschrumpeln lässt. Doch die größte Änderung seit meinem letzten Aufenthalt hier (einem TEP-Leistenbruch im Oktober 2005): Handys! Schon auf dem Dach des Krankenhauses stehen gut sichtbar große Mobilfunkantennen. Ärzte und Ärztinnen haben keine Piepser mehr, hasten zwischendurch nicht mehr ans nächste Wandtelefon. Es gibt ja Handys. Kommunikation schnell und wie nebenher aus der Kitteltasche mit den Bleistiften. Dabei hat noch vor ein paar Jahren alle Welt ein Trara um die Strahlung gemacht. So setzt sich Vernunft durch.

Leider scheint das in den administrativen Abläufen des Krankenkassensystems weniger der Fall zu sein. Ich musste eigens für diese Krankenhauseinweisung nacheinander zwei Ärzte abklappern, Hausarzt, Facharzt, obwohl mich beide kannten und bereits alles feststand, keiner mich neu untersucht hat. Man hätte das telefonisch, oder noch besser über E-Mail erledigen können. Die Chipkarte der Krankenkasse dient nur zum Beweis, dass einer wirklich beim Arzt war. Damit der nicht Phantasiepatienten abrechnet. Was er abrechnet, bleibt noch immer seine Sache, Geheimnis zwischen ihm und vielleicht einer Abrechnungsstelle. Nicht einmal die (zahlende) Krankenkasse darf das im Einzelnen erfahren. Und Patientendaten sind so gut geschützt, dass sie bei Bedarf keiner hat. Also gebe ich alles mündlich immer wieder an, fragmentarisch, so gut ich es verstanden habe, bis hin zur Telefonnummer meiner Frau. Und selbst diese unverfängliche Nummer muss ich hier im Krankenhaus zweimal eintragen, die Systeme sind ja autonom, Effizienz ein Fremdwort? Das wird so bleiben, schließlich bestimmt doch der Staat mit seinen immer wieder »reformierten« Gesetzen alle Details, Abläufe und Ausgaben: Medizinen zahlt er, blutverdünnendes Aspirin nicht, Plomben schon, Zahnersatz nicht usw. So könnte man keine Windschutzscheibe reparieren, obwohl auch das der TÜV im Einzelnen vorschreibt. Seit heuer, 2009, haben wir nun einen »Gesundheitsfond« – eine extra Krankheit für sich. Und wir glauben an den Staat als allgemeinen Retter!

Ich meine zur Krankheitspolitik: Es ist halt niemand wirklich an kostengünstigen Abläufen interessiert, warum auch? Keiner verdient daran. Komplexität bringt Arbeit. Konkurrenz gibt es nicht. Ständewirtschaft. Sollte sich denn ein »Gesundheitssystem« selbst rationalisieren? Es wäre schön blöd.

Auch, und wo sollen denn die ganzen Leute hin? Keiner kann sich vorstellen, dass hier Unnötige wieder anderswo einen Job finden könnten. Festhalten, Klammern ist die Devise, bei Bergarbeitern, Bankern und Behörden, allüberall. So aber dreht sich die Welt nicht weiter, und wenn, dann bloß in Indien. – Achtung: Ich schwenke zur Politik.

Wir müssen wieder Mut finden, den Glauben an neue Arbeitsfelder, an neue Wünsche, die die alten Leute neu erfüllen. Nachfrage und Angebot. Beispiele aus der Vergangenheit gibt es genug: PCs und Mobilfunk, Döner und Kaffe-»Latte«, Starbucks und Car-Glass, W-Lan und Internet – nur halt noch keine Beispiele aus der Zukunft …

Ein weiterer Seitenhieb: zur Krise. Kredite. Faule Kredite hätten die Banken vergeben, heißt es, und das sei Auslöser der Krise. Sie haben’s doch getan, weil zuviel Liquidität im Umlauf war, (Konjunktur-)gefördert von den Staaten, von Welt- und Landesbanken, von künstlichen Renmimbi-Kursen. Warum müssten sonst deutsche »Landesbanken« Kredite amerikanischer Häuselbauer kaufen? Überall waren die Renditeerwartungen hoch, höher jedenfalls als die Vorsicht. Und sie sind es immer noch! Die Commerzbank hat 164 Milliarden Euro vom Staat bekommen. Sie muss dafür jährlich 1,5 Milliarden Zinsen zahlen. Ich habe einmal das eine durch das andere geteilt: Das ergibt über neun Prozent Zinsen! Unser Staat als Zockerstaat oder: Wie soll das erwirtschaftet werden? Inflation ist programmiert.

Wir können doch nicht Kredite als Krisenursache verteufeln und dann doch wieder nach Krediten rufen, für alle und jeden. Beispiel Autos. Die hat man sich früher geleistet nach eigenem Vermögen, hat sie bezahlt. Seit ein paar Jahren wird geleast, das heißt, man fährt auf Kredit, auch privat, auch hier. Ironisch gesagt: Firmen und Menschen besinnen sich auf ihre »Kernkompetenzen«, alles andere wird outgesourct, geleast, notfalls nach Amerika verkauft und zurückgeleast, wie die Straßenbahnhaltestellen in Dortmund oder die U-Bahn in Wien und die Zürcher Straßenbahn. Eine Schande.

Vorschlag: Statt von der Zukunft zu pumpen, erhöhe man die Wochenarbeitszeit ohne Lohnausgleich um zehn Prozent, dadurch höheres Nationalprodukt, bald mehr echtes Geld zum Ausgeben – ganz ohne Anleihen bei kommenden Generationen. Frischer Mut, heute (now!). Selbst bei einheimischen Dienstleistungen tiefere Preise; international erhöhte Wettbewerbsfähigkeit. So ungefähr müsste das aussehen – nur tun wird’s keiner.

Nun, ich verlasse die Politik, mit der Empfehlung den Artikel »Wie steht es mit dem Comeback des Keynesianismus?« aus der Neuen Zürcher Zeitung vom Freitag, 16. Januar 2009 (meinem Krankenhaustag) zu lesen, auf Anfrage bei mir, oder im Netz bei Oehen.

Zurück zum Krankenhaus. Nach zwei Nächten und einer Herzkatheteruntersuchung mit Stent-Einsatz in einem Herzkranzgefäß (Ramus intermedius) bin ich wieder wohlbehalten zu Hause. Auch der Tunesier ist längst glücklich entlassen, nur Opa R. (Porzellanmarke) muss noch bleiben, ist schlecht dran. Ich besuche ihn am Sonntag, selbst schon entlassen, lerne seine Frau kennen. Sie erzählen über ihre Zeit in der DDR, wie sie ihr Haus vor der »Familienzusammenführung« (»Ausreise« war Tabuwort) in den achtziger Jahren doch noch hatten verkaufen können, dem Pastor mit seinen vielen Kindern, da hatte er Anspruch – und hatte sich nachher doch als ihr Stasi-Spitzel herausgestellt. Gut zu reden über die alten Zeiten, ein Geheimkode von uns Gestrigen, aus einer bestimmten Zeit, aus einer bestimmten globalen Gegend. Heimatgedanken, obwohl ich nie in der DDR gelebt habe.

Mein Nachbar von der anderen Straßenseite kommt zu Besuch. Die Nachbarin von oben sogar zweimal, rührend. Sie kennt sich aus in Krankenhäusern, ist vom Fach. Der häufige Wunsch der Patienten nach Belebung der Decken (Plafonds): Wenn einer so gefahren wird, im Bett zum OP, nach oben starrt, Lampen, Rauchmelder und Deckenplatten ziehen vorbei wie Eisenbahnschwellen. Es bräuchte Schilder: »Noch 50 m bis zum OP«, »Noch 40 …« und so weiter.

Episode: Die EKG-Nehmerin, bei der ich gleich anfangs zur Aufnahme war, kommt hernach mit ihrer tragbaren Laptop-EKG-Maschine aufs Zimmer und besucht mich. Sie fährt ihr beziehungsweise mein EKS. »Ja hallo!«, sagt sie, dann erklärend: »Ich erkenne die Leute an ihrem EKG«. Vorhofflimmern.

10. Januar 2009

Linux, der Retter, war da!

Harmlos hat es angefangen. Mein Nachbar lud mich unter der Woche zum Mittagessen im Kreise der Kleinfamilie ein. Ich möge nur ein viertel Stündchen vorher kommen, seinen Laptop wieder in seinem W-Lan anmelden. Er habe ihm nach Ärger mit einem Stück Software, das nicht richtig lief, ein frisches Windows XP aufgezogen. Nun müsse noch die übliche Netzverbindung eingerichtet werden.

Es stellte sich heraus, dass der gute (und glänzende) Tchibo-Laptop seine eigene eingebaute W-Lan-Hardware nicht mehr erkannte. Mit der aufgedruckten Tastenkombination ließ sich der Funk aus- und einschalten, im Bios war er sichtbar, nur Windows wusste nichts davon. Net Stumbler, den ich versuchweise installierte, bewies klar: Keine eigene Funkeinrichtung vorhanden.

Der Nachbar hat dann hier über Medion Treiber zum Herunterladen gefunden und installiert. Kaum waren sie drin, war auch er wieder »drin«. Alles in Butter?

Es zeigte sich, dass auf dem Rechner nun zwei Windows XP saßen, eines auf C, ein neues auf D. Das gute alte lief auf C, war völlig in Ordnung und hatte alle seine gewohnten Programme, Einstellungen, Mails und so weiter nach wie vor dabei. Also starteten wir das System dort.

Das neue Windows auf D war überflüssig. Wir wollten es löschen. Ich wusste aber nicht wie, weiß das immer noch nicht. Also meinte der Nachbar, lass uns D frisch formatieren, dann ist es weg. Richtig, nach einigen Sicherheitsbremsungen gelang es uns, D sauberzuputzen. Ein großes Gefühl, so ein Format D:. Nur Format C: ist higher.

Beim Starten ließ und der Rechner nach wie vor die Wahl, das eine oder das andere (nicht mehr vorhandene) Windows zu starten. Blödsinn. Also habe ich ein bisschen mit der boot.ini gespielt, so lange (ein Uhr null sieben nachts) bis der kleine Rechner nur mehr direkt von der nicht vorhandenen Windows-Installation auf D starten wollte, also garnicht. Das passiert, wenn unter der Zeile »[operating systems]« nur mehr eines steht, bei uns leider nächtens das falsche. Vorsichtshalber hatte ich keinen Wiederherstellungspunkt gemacht (Start, Ausführen, msconfig, Allgemein, Systemwiederherstellung starten, Einen Wiederherstellungspunkt erstellen), sodass auch damit keine reumütige Rückkehr möglich war. Im Recovery-Modus von der Windows-Original-CD gab es keinen Editor, womit der verhundsten boot.ini beizukommen gewesen wäre, und bootcfg kannte ich noch nicht. Also: Ende der Fahnenstange.

Knoppix

Der Nachbar zog prompt ein altes Knoppix-Linux vom April 2003 auf einer c’t-Diskette aus dem Regal (Version 3.1, im Bild ein etwas neueres). Damit ließ sich wunderbar auf seine Platte beziehungsweise deren mehrere Partitionen gucken. Mir war Linux neu. Das nur mit der internen Maus steuerbare System reagiert ungewollt schnell schon auf bloßes Verweilen über einem »Knopf«. (Der Name Knoppix stammt aber nicht daher: Der Mann heißt so und ist Diplomingenieur.) Wir sind dann ein bisschen in der Linux-Welt herumgeirrt, haben die boot.ini gefunden und sogar wieder zurückkorrigiert, ganz zwecklos, denn sie ließ sich nicht zurückspeichern, mangels Rechten, wie Knoppix anmahnte. Außerdem zeigte sich später, dass dieses Knoppix vorsichtshalber nicht auf NTFS-formatierte Partitionen schreibt.

Eineinhalb Tage später war alles noch viel schlimmer. Ich hatte inzwischen zwar herausgefunden, dass sich mit bootcfg /rebuild im Windows-Reparaturmodus die boot.ini neu schreiben lässt, doch: zu spät. Microsoft hatte C ganz verloren. Schon dir C: streikte. Nichts da. Leere. Meinem Nachbarn war es nämlich inzwischen ganz alleine gelungen, irgendwelche wichtige Sektoren auf der Platte zu himmeln. Selbst chkdsk weigerte sich, C überhaupt zu untersuchen; das Dateisystem sei gestört.

Nun kann man einen kaputten MBR (Master Boot Record) mit fixmbr wieder neu schreiben. Für uns kam allerdings im letzten Augenblick die Warnung, dass man sich damit vielleicht endgültig alle Daten unzugänglich machen könnte. Vermutlich hätten wir mit einem »erfolgreichen« Lauf von chkdsk ähnliche innere Blutungen ausgelöst. Frage: Ob vielleicht Linux die Platte noch lesen konnte? Die Chance stand bei fünf Prozent.

Linux konnte. Alles war da. Die Dateien auf C standen da, also hätte sie nie ein Lüftchen angehaucht. Wir begrüßten unsere alte, eigenhändig verunstaltete boot.ini. Also hieß es, mit Linux den Master Boot Record neu schreiben. Wie das ging, dafür darf ich im Schnelldurchgang mein von Carla Schroder auf einer IBM-Internetseite ad-hoc gelerntes Wissen weitergeben. Carla Schroder hat 2004 die erste Ausgabe eines Linux Cookbooks geschrieben, deutsch 2005 als Linux Kochbuch erschienen (natürlich immer mit fehlendem Bindestrich …).

Um zeilenweise Befehle in Linux einzugeben – genau das schreibt sie leider nicht – braucht man eine »Konsole«; der Knopf dazu war unten etwa in der Mitte der Knopfleiste. Im schwarzen Kasten – das scheint bei Linux und Windows gleichermaßen auf Altes hinzudeuten, obwohl wir damals Weiß auf Blau bevorzugt hatten – erscheinen eher abschreckende Prompts wie knoppix@ttyp0[knoppix]#. Vorne steht der jeweilige Benutzername. Benutzer knoppix darf erst einmal gar nichts, schon gar nicht auf der Platte herumschreiben. Man muss auf den wohlprivilegierten Nutzer root (wörtlich Wurzel, hier wohl Wurzelsepp) umsteigen, und das ging (laut Heise-Anleitung) mit sudo su - (switch user auf superuser). Als root angemeldet konnte ich das Linux-Programm Testdisk von Christophe Grenier starten. Und was ganz Microsoft nicht geschafft hatte, dieser Franzose konnte es: Die Partition C der Festplatte meines Nachbarn immer noch lesen. Doch ach, auch dieses Testdisk meldete bad relative sector. Es war ja wirklich was gestört auf der Partition. Also reparieren. Beim dritten von Testdisk angezeigten Zwischenergebnis gab es die Möglichkeit zu schreiben. Das habe ich dann mutig getan …

… und hatte fortan eine selbst für Microsoft wieder wohlgenießbare Platte mit den Partitionen C und D, Licht am Ende des Tunnells. Frisch die Betriebssystem-Original-CD eingelegt, neu gestartet, schnell noch (vor dem Laden des unladbaren, da inexistenten Windows’ von der Platte) auf die Taste gedrückt und somit von CD geladen, den Reparaturmodus gewählt – hier Details, also R eingeben, dann 1, dann leer lassen (da kein Administratorkennwort gesetzt war), und gleich einmal bootcfg /scan laufen lassen. Wunderbar, unser altes, einziges Windows wurde auf C gefunden. Der Befehl bootcfg /rebuild hat es dann wieder hoffähig (startfähig) gemacht. Ich musste ihn noch einen Namen geben, nannte es wiedergefunden, und durfte dann die üblichen Startparameter eintragen: /fastdetect /NoExecute=OptIn. Die Parameter lassen sich auch später mit einem Editor nachtragen. Anschließend bootete das System wieder von der Festplatte, ließ man ihm Zeit sogar von der richtigen Windows-Installation. Es brachte allerdings immer noch die unsinnige Auswahl zwischen dem guten und dem gelöschten Windows. Ich habe in boot.ini dann (diesmal) die (richtige) Zeile mit dem gelöschten Betriebssystem entfernt. Seitdem startet der Laptop wie jeder gute Rechner direkt und durch.

PS. Der eventuell neuerdings vorhandene Parameter /usepmtimer besagt nicht, dass man nachmittags besser auf die Uhr sehen soll, als wir es getan haben, er stellt bei manchen Doppelprozessorrechnern sicher, dass die Uhren beider Rechner synchron laufen. PM steht für Prozessmanager. Fastdetect hat etwas mit neuerer automatischer Erkennung an Com-Ports zu tun, und hier dann noch die Erklärung von NoExecute, dem eingeschränkten Datenausführungsschutz. Alles zu boot.ini finden Sie hier.