15. Februar 2021

Wissen und Wissenschaft

1  Ansaugen des brennbaren Gemisches
2  Verdichten und Zünden
3  Arbeiten, »Exposion«, Ausdehnung
4  Rauch Ausstoßen
Gifs aus der Wikipedia
 

 

 

 

 

Links: Das ist, wie jeder aus der Fahrschule weiß, der Lauf eines Viertaktmotors.
   »Der Österreicher Christian Reithmann hatte am 26. Oktober 1860 mehrere Patente auf einen Viertaktmotor erhalten«, ein Uhrmacher, schreibt die Wikipedia, aus der auch das Diagramm ist.

Und rechts? Hier dreht sich ein moderner Elektromotor, ebenfalls in der Wikipedia.
   Dieser »Synchronmotor« läuft mit Drehstrom, (fast) wie er aus der Steckdose kommt. Schon die Erklärung ist nur etwas für Fachleute: »Ein Synchronmotor ist eine Einphasen- oder Drehstrom-Synchronmaschine im Motorbetrieb, bei der ein konstant magnetisierter Läufer (Rotor) synchron von einem bewegten magnetischen Drehfeld im Stator mitgenommen wird.« – Verstehen Sie das? Ich weiß, die Wikipedia ist gerne hochgestochen. Sie versucht nicht einmal, das blaue Fähnchen im Bild zu erklären. Also was sieht man da? Als Laie: nichts! (1)

Reales

Gas aus Benzin, Auspuffgase eines Verbrennungsmotors, die kann man wenigstens noch sehen, sogar riechen, »schmecken«. Da ist Substanz. Aber elektromagnetische Felder? Die sieht man nicht, und spüren tut man sie erst recht nicht, jedenfalls nicht normalerweise.
   Wir haben keinen Kompass im Kopf. Für elektromagnetische »Wellen« oder »Strahlen« haben wir kein Sinnesorgan. Diese Strahlen (gleich Wellen) schäumen nicht wie Wellen im Meer, sie wämen nicht wie Sonnenstrahlen – außer vielleicht in der Mikrowelle. Weshalb auch die halbe Menschheit Angst vor Handymasten hat.
   Dennoch: Knallendes Gas unter der Motorhaube und drehende Motoren im Staubsauger sind unbestritten, sind Wirklichkeit, Realität. Sie be-»wirken« was (oder laufen im Leerlauf). Das sieht man. Und notfalls zeigt sich die menschliche Macht der Abstraktion, des Denkens, der Theoriebildung, höherer Mathematik vielleicht am Physiklehrer.
   Für den Elektrotechniker sind elektromagnetische Felder genauso real wie Auspuffgase. Ich bin so ein Techniker. Die Ausbreitung von Wellen in metallischen Hohlleitern – mathematisch fürchterlich kompliziert – lässt sich punktgenau berechnen. Man kann sie vorhersagen und messen. Im Automotor dagegen wirbelt Gas in den Zylindern herum, im Einzelnen unberechenbar wie ein Tiefdruckgebiet über Norddeutschland. Egal. Technik, Naturwissenschaft sind Fakten. 

Irreales

Auftritt des homo sapiens, des Menschen. Er will lernen, über die Natur hinaus. Weil das Denken soviel Freude macht, hat die Wissenschaft angefangen, freilaufend weiter und weiter und weiter zu denken, zu imaginieren, zu forschen, zu spintisieren – gelegentlich sogar einfach nur zu glauben, wie an die Himmelfahrt Mariæ. Ich finde das gut und schön, ich mache da voll mit, sonst hätte ich das hier nicht geschrieben.
   Platon hat sich, lange vor Christi Geburt, ein »Höhlengleichnis« ausgedacht. Es ist einfacher zu verstehen als der Elektromotor. Und doch ist es nur ein Gedankenexperiment. Es hat Wirkungen gehabt auf weitere Gedanken, auf Philosophie und Wissenschaft. Es wird gelehrt im Gymnasium. Das Höhlengleichnis ist eine phantastische Geschichte – aber es ist »nur« eine Vorstellung, ein Gleichnis, einen Gedanken, die Geschichte existent nicht in der Wirklichkeit, ist nicht real, und nicht denkbar ohne den Denkenden. Es ist Gedankenspiel, Philosophie.

Wissenschaft ist Denkerei – bloß oder meistens, heute

Denken macht uns soviel Spass. Unser Gehirn ist (relativ) so groß, dass Wissenschaft sich verselbständigt hat. Also gibt es »Naturwissenschaften« und »Geisteswissenschaften«, dazu neuerdings noch »Sozialwissenschaften« – im Wust der Gedanken bleibt diese Unterscheidung meist unberücksichtigt.
   Man promoviert egal in welcher Wissenschaft durch eine »besonders vertiefte wissenschaftliche Arbeit« mit »einer selbstständig verfassten wissenschaftlichen Arbeit« (wieder laut Wikipedia). Ich will das nicht kleinreden: Aber das ist »einfach« nur noch mehr Denken, mehr von etwas, was real oder irreal sein kann, kausal oder empirisch, mit viel Literatur; Wissenschaft für Wissenschaft, ist Selbstbeschäftigung wie diese Gedanken hier. 

Technik ist Wirklichkeit

Ich stelle mir dagegen vor, naturwissenschaftlich, man müsste zum Promovieren, zum Vorwärtsbewegen der Welt (nicht bloß zum Weiterdenken) ein Patent bekommen, etwas noch nicht Dagewesenes erfinden, einen wirklichen Schritt tun nach vorne, oder von mir aus auch seitwärts.
   Das geht mir so, seit hier »Technologie« die althergebrachte »Technik« ersetzt hat, die ohne »Logie«, seit Grenzen verschwimmen zwischen Wirklichkeit und Gedankenwelt. Seit es einen »Nobelpreis« für Wirtschaftswissenschaften gibt, siehe hier. Geisteswissenschaften sind Meinungswissenschaften, Irrealwissenschaften. 

Beispiele Wirtschaftswissenschaften, Psychologie

Ich schätze zum Beispiel Liberalismus, Friedrich Hayek . Doch wenn ich noch so sehr seiner Lehre anhänge, Fakten sind das nicht.
   Schon als Internatsschüler war mir aufgefallen, dass man menschliche Verhaltensweisen kausal plausibilisieren konnte (z.B. Kränkung führt zu Trauer), allerdings auch genau gegenteilig (Kränkung bringt ein »jetzt erst recht!«). Nichts kann wahr sein, wenn auch das Gegenteil stimmt …

Übetriebene »Wissenschaftlichkeit« führt zu Leerlauf 

Sturm der Entrüstung! Ich gestatte mir einen Szenenwechsel.
   In seinem Bestseller »Kollaps« macht sich Jared Diamond Gedanken, warum in der langen Geschichte der Menschheit – etwa in den letzten zehntausend Jahren – manche Gesellschaften überlebten, andere nicht. Am Ende sind es da immer die Einstellungen, die Gewohnheiten, Glaubensgrundsätze und Gedankengebilde, die Gesellschaften prosperieren lassen oder untergehen. Zwei Beispiele aus seinem Buch:
   1. Die Osterinsel entvölkerte sich, nachdem verschiedene Stämme mit immer größeren Monumenten um die Gunst der Götter wetteiferten, und dazu alle Bäume auf der Insel aufbrauchten. Moderner gesagt (Quelle): »Es ist heftig umstritten, wo die Wurzeln für diesen Kulturverfall zu suchen sind. Die Mehrzahl der Forscher geht jedoch heute davon aus, dass die Probleme von den Insulanern selbst verursacht wurden. Populär ist die von Jared Diamond publizierte These des Raubbaus an den natürlichen Ressourcen, der zur Störung des ökologischen Gleichgewichtes auf der isolierten Insel geführt hat.«

Die Osterinsel heute. 360°-Panorama aus der Wikipedia

   2. Seit Menschengedenken leben Eskimos (Inuit) auf Grönland. Norweger aber verhungerten dort nach 450 Jahren Besiedlung, unter anderem, weil sie nicht fischen wollten. Sie verhungerten, so Diamond, »in Anwesenheit reichlicher, ungenutzter Nahrungsressourcen«.

Am Ende kann Spinnerei fatal sein

Was will ich damit sagen? Je mehr wir um Worte streiten, Gedanken tabuisieren, Unwichtiges (wie Cookies) thematisieren, real Wirkungsloses auswälzen, Luftschlösser illustrieren, uns verlassen auf andere, auf Beamten und ihre Staaten, auf völlig indirekte Demokratien, auf Meinungen von »Influencern«, Untätiger, kurz auf andere und nicht auf den eigenen Verstand und den eigenen Willen, desto wissenschaftlicher, desto schöner, desto politisch korrekter werden wir – dem Ende entgegengehen. Denken muss scharf sein. Reagieren rasch. Verantwortung Folgen haben.

Aktuelle Beispiele:
· Das Bevölkerungswachstum (besonders in Afrika) wird nicht thematisiert.
 (siehe https://blogabissl.blogspot.com/2018/07/nzz-artikel.html#MasseMensch)
· Dem »Klimawandel« soll durch eine CO2-Steuer auf Benzin entgegengewirkt werden.
· Bioeengineering wird tabuisiert
· Europa will »gentechnikfrei« bleiben; Züchtungen sind aber erlaubt.
· Wir erbauen uns an »Solidarität«, statt rechtzeitig Impfstoff zu kaufen und einzusetzen.
· Den Staat lassen wir alleine machen, konkurrenzlos, obwohl wir in einer Marktwirtschaft leben.
· Gegen Meinungen wird demonstriert statt argumentiert.

• NZZ-Artikel »Philosophieren heisst über die Grenzen des Denkens hinausgelangen: was Platon mit der modernen Physik verbindet« von Julia Hänni: https://www.nzz.ch/feuilleton/jens-halfwassen-was-platon-mit-der-modernen-physik-verbindet-ld.1600683. Die Zeichnung von Markus Maurer (1996) stammt aus dem Artikel.

Permalink hierher http://j.mp/fj3b3xUyq
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https://blogabissl.blogspot.com/2021/02/wissen-un-wissenschaft.html 

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Fußnote 1. Ich versuche den elektrischen Synchronmotor einmal zu erklären. Dazu muss man wissen, dass aus den heutigen Haushalts-Stromnetzen Wechselstrom kommt, Strom, dessen Spannung fünfzigmal in der Sekunde gleichmäßig von Plus nach Minus wechselt, der Strom also hin- und hergeht. In ganz Europa von Norwegen bis in die Türkei haben wir sogar immer gleich drei solcher Wechselströme, die 360°/3 = 120° hintereinanderherlaufen (»Drehstrom«), siehe https://blogabissl.blogspot.com/2018/02/stromausgleich-im-netz.html. In den drei grau gezeichneten Spulen des Motorschemas oben laufen die drei Maxima also reihrum hintereinander her, hier gegen den Uhrzeigersinn. Der Innenteil des Motors versucht dann wie eine Kompassnadel ihnen nachzulaufen, immerzu. Ein Hase-und-Igel-Spiel mit drei Igeln.
   https://de.wikipedia.org/wiki/Synchronmaschine#Geschichte : »1887 entwickelten Friedrich August Haselwander und der US-Amerikaner Charles Schenk Bradley [beide Elektrotechniker] unabhängig voneinander den dreiphasigen Synchrongenerator.«



 
  




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