16. Dezember 2015

Abschied von der Sprachgesellschaft

Ein Abschied
Sprache wandelt sich, und wir uns in ihr. Ich liebe Sprache, Sprachen. Sprache macht sichtbar, Sprache begründet, hat Tiefe, jedes Wort Geschichte.
   Wegen den Vornamen – ja, stur, den und nicht der Vornamen – bin ich nach der Geburt unseres ersten Kindes in den Neunzehnhundertsiebzigerjahren der Gesellschaft für deutsche Sprache beigetreten. Bald hatte ich dort Freunde, verliebte mich sogar ein wenig, wurde meinem Füller untreu und betrog ihn mit jungen Laptop-Tasten. Die Rechtschreibreform war damals groß angelegt und sehnte sich politisch nach kleinschreibung, und dann ist davon doch nur offen sichtlich dass statt daß geblieben, auch nicht schlecht. Doch der Reihe nach.
   Eher unbeobachtet ändern sich ganze Sätze, baulich, weil das ist bequem. Hohe Sprachlichkeit ist hauptsächlich lang und schwebend, »Hochsprache« passé. Dazu fällt mir gleich »das Licht unter dem Eimer« ein, wobei man – ob Scheffel oder Eimer – ersteinmal nicht versteht, wozu Licht irgendwo hingestellt werden soll? Mein Süddeutsch mit den Ebenen Dialekt und »Schrift« ist von nördlichen Medienanstalten, Bild und öffentlichrechtlichen, ja sogar von Sprachvereinen inzwischen marginalisiert worden. Der Duden schreibt Spaß vor, sprich Spahs, südländischen Spass, reimend auf lass, hammer gar nimmer (höchstens in Österreich).
Aus »Dachdecker« wird »Bedachungen«.
   Um Grammatik kümmern sich wenige; dafür desto mehr um Wörter. Die fallen auf. Da wird konnotiert, dass es donnert auf den Sprach­bal­ken. Kam es früher darauf an, dass die Leser (heute semantisch der Leser) ver­stan­den, was man sagen wollte, werden heute Vorurteile transportiert, Kon­no­ta­tio­nen. Wörter, die mir einen Schauer den Rücken hinunterlaufen ließen, wie Reichskristallnacht waren plötzlich verharmlosend, treffender war ein Pogrom. Nicht mich, ich schrieb das lange noch mit r, Progrom, und fand’s in keinem Lexikon. Um drastisch beim Thema zu bleiben: Ju­den­ver­ga­sung klang wohl nicht brutal genug, 1978 muss­te der Holocaust her, ein neues Wort, in­zwi­schen schon wieder verharmlosend.
   Genug Drastisches. Selbst Harmloses wie ein Dach­decker wird heute gendergerecht zur Be­dach­ung. Dachdeckerei wäre doch auch weiblich gewesen, ein -ei als Suffix klingt allerdings wieder despektierlich. Suffix auch. Oh je!
   Weil Verstehen zu mühsam geworden war, liefern Medien heutzutage von vorn herein fertige Gefühle. Wir wollen Vorurteile, schnell. Da wird in Wörtern gelogen, dass es ja kein Zugezogener versteht. Eine OGS wäre ausgeschrieben eine offene Ganztagsschule, ist aber keine Schule sondern Nach­mit­tags­be­treu­ung für Schulkinder, gar nicht ganztags, offen erst recht nicht. Tschechien, sprich Tschechiën, ist ein Nachbarland, Mongolien noch nicht. Die Gesundheitskarte, früher ein schlichtes Versicherungskärtchen, glänzt mit leerem Chip. Deutsche Erfindungen betreffen lieber das Wort als die Sache, etwa beim Sinneswandel von schlichter Technik zu geblähter Technologie.
   Als vor ein paar Tagen die Neue Zürcher Zeitung den Flüchtling als negativ konnotiert besprach, hier, angeregt von der Gesellschaft für deutsche Sprache, schrieb ich einen sarkastischen Kommentar dagegen, der sofort redaktionell wieder verschwand. Ich sehe das wohl zu drastisch, meine hölzernen Sprüche ecken an in der Raspel der Zeit. Süßholz passiert. Inzwischen bin ich, damals heimatvertrieben, ein alter Deutscher mit »Migrationshintergrund ohne eigene Migrationserfahrung«.
   Sprachlich fühle ich mich ausgebremst, überholt, einfach alt. Ich meine, Sprache ist wichtig, sie ist aber nicht so mächtig, wie in 1984 und inzwischen allgemein angenommen. Was einer versteht, was in ihm mitschwingt – »konnotiert« – hängt von ihm ab. Zigeuner werden nicht beliebter, wenn man sie Sinti und Roma nennt.
   Jedenfalls bin ich aus der Gesellschaft für deutsche Sprache ausgetreten.
   Im letzten Heft »Der Sprachdienst« werden »Prof. Dr. Peter Schlobinski, Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache, und Prof. Dr. Michael Tewes, Professor für Angewandte [groß] deutsche [klein] Sprachwissenschaft« zitiert mit: »Sprachliche Gewalt […] kann durch eine veränderte, symmetrischere und herrschaftsfreiere Sprachpraxis gebannt werden. Dies allerdings setzt voraus, dass sprachliches Handeln als gesellschaftliches Handeln begriffen wird und dass diskriminierende Sprachpraxis offengelegt und bewusst gemacht wird.«
   Doch ob es sprachliche oder hoheitliche Gewalt ist, wenn einen die Polizei überholt und »BITTE FOLGEN« rot aufblinkt, wird nicht gesagt. Ist Erziehen sprachliche oder elterliche Gewalt? »Gesellschaftliches Handeln« neigt hier dazu, Meinungen durch Aussprechverbote zu unterdrücken, was nur Überdruss, Überdruck im Gedankenkessel erzeugt und noch lang nicht eine andere Überzeugung. George Orwell klappt nicht, nicht einmal gut gemeint. Wörter sind nicht ihr Inhalt, für mich. Sie benennen ihn, bescheiden, treffend. Verletzen kann ihr Sinn, ihr Inhalt, die Lautstärke, die Situation. Da hilft keine Umbenennung sondern, wenn überhaupt, eine überzeugende inhaltliche Auseinandersetzung.
   Dann bespricht Sascha Michel Polit-Talkshows, die »z. T. unterschiedliche, politisch beladene Schwerpunktsetzungen vor dem Hintergrund kollektiver Diskursmarkierungen« zur Folge haben. – Jetzt weiß ich, warum ich die Talkshows nicht mag.
   Ob der Autor im Sprachdienst 6/15 der Sprache wirklich dient, wenn er über »Tiefenframes« – pardon – schwafelt? »Bei Frames handelt es sich um kognitive Deutungsmuster und Wissensstrukturen, die durch bestimmte Lexeme aktiviert werden können. Frames bestehen dabei – je nach Abstraktionsstufe – einerseits aus freien Leerstellen (Slots) und andererseits aus konkreten Füllungen (Fillers)«, Fußnote dazu: »Mit Klein können Slots argumentativ als Topoi verstanden werden. … «
   Ich könnte unendlich weiterschreiben, von Hintergründen und Bereichen (gibt’s auch A-Reiche?), könnte Blähungen glossieren. Das stinkt mir aber. Genug.
   Für viele kleine Anregungen, große Vorträge und gute Gespräche, früher, danke ich der GfdS.

Für Karin M.

Siehe auch http://blogabissl.blogspot.com/2015/12/liebling-gendergerecht.html
Link hierher: http://blogabissl.blogspot.com/2015/12/abschied-von-der-sprachgesellschaft.html 

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Prof. Dr. Peter Schoblinski

... Schlobinski

Aber sonst, Chapeau!

Fritz Jörn (Fritz@Joern.De) hat gesagt…

Herzlichen Dank hier und generell für Hinweise auf oft peinliche Tippfehler!