3. September 2008

Googles neuer Browser …

… läuft ja schön schnell an, jedenfalls in der allgemeinen medialen Aufmerksamkeit. Ich schließe mich mit der ironischen Bemerkung an, dass er mir scheinbar weitere CPUs (Rechenwerke) vorspiegelt, siehe Screenshot hier links (im Chrome rechts oben »Aktuelle Seite
 bearbeiten«, dann »Entwickler« und »Task-Manager«, wie sich’s gehört mit Bindestrich geschrieben!). Zwei Prozessoren hab’ ich ja drin in meinem X60s, aber doch nicht drei. Und ich habe hier schon neunzehn angezeigt gesehen. ’s muss was anderes sein. 
Die Java-Interpretiererei scheint eine schnellere zu sein. Bei http://blazinggames.com/table/misc/fourInARow_p.htm geht sie halt gar 
nicht: »Kein Plug-in zum Anzeigen dieses Contents verfügbar«. In Firefox und Explorer klappt’s. Außerdem fehlt mir der Google-Toolbar, wo man so schön sehen kann (allerdings nicht immer), welche Seiten auf die gerade geöffnete verweisen (»PageRank«, »Verweisseiten«).  Und auf Windows 2000 kann ich die Zierde eines Chrome erst gar nicht anbringen.

PS: Macht er das nicht brav? Beim richtigen, neueren Portal sieht es schon schöner aus. 

20. August 2008

Wieder was Technisches – zu E-Mail, Outlook, Pop etc.

Verwaiste E-Mail-Header löschen.

Meine E-Mail hole ich mit Outlook vom Server, per Pop (post office protocol). Das geht schneller und sparsamer als Synchronisieren mit Imap, vor allem unterwegs. Dabei hole ich mir in einer ersten Runde immer nur die Header, die Kopfzeilen, sprich Absendername und Betreff. Das geht auch ohne ›flachgeratene‹ Breitbandanbindung ins Internet, das geht auch mim Modem vom Festnetz in ländlichen Gebieten. Gelegentlich nutze ich Webmail und sehe mir die Mail komplett nur im Internet an.
Nun hatte ich einerseits alte Mail-Köpfe in Outlooks Posteingang, andrerseits ein paar dieser Mails hinter dem Rücken von Outlook via Webmail am Server gelöscht. Blöd: Die Header ließen sich partout nicht mehr aus dem Outlook-Posteingang löschen. Das geschäftige Outlook wollte die Mails unbedingt zugleich am Server löschen, wie normalerweise gewünscht. Dort waren die aber nimmer. Also blieben sie auch im Outlook. Monatelang. Stur. Zwar durchgestrichen, dennoch wie in Stein gemeißelt. Mich hat das dann immer mehr gestört.


Die Lösung. Löschen von am Server bereits gelöschten Mails aus der Inbox macht man in Outlook mit einem Klick auf Extras, dort dann Senden/Empfangen, In diesem Ordner ausgewählte Kopfzeilen verarbeiten. Vorher sollte man die (ich wollt schon schreiben Hurenkinder) verwaisten und ganz zu löschenden Einträge im Posteingang durchgestrichen (Löschen) und markiert haben. Nach diesem besonderen Verarbeiten lösen sich die längst überholten Einträge ohne weiteren Serverzugriff in Luft auf. Und der Postkasten ist wieder sauber.

14. August 2008

Gleich noch ein Sprachtipp:
mitsammen statt zusammen, wenn’s geht

Dunkel erinnere ich mich an einen Tipp, eine Korrektur damals in der Schule in Bayern:

Schreib doch ›mitsammen‹ statt ›zusammen‹!


Wenn ichs nun tue, wundern sich manche. Mitsammen scheint nicht so gängig zu sein hier im Norden.

Zusammen
kann man einen schlagen, zusammen kann man Mehl, Eier und Milch mischen, mitsammen geht das nicht oder nur sprachlich etwas mühsam. Mitsammen Karten spielen, Heu hüpfen, zum Baden oder Skilaufen fahren, eine Karre aus dem Dreck ziehen, das geht prima. Warum also nicht bitte wenn immer möglich das freundlichere mitsammen setzen.

In Österreich scheint mitsammen tatsächlich populärer als zusammen, siehe hier. Die Gebrüder Grimm (Link) platzierten mitsammen mitsammen eher ins Thüringische und wollten ihm nicht die höheren Weihen geben: »in der schriftsprache meist nur in nachahmung volksmäsziger rede« und schlossen nach Ludwig Tieck’s Kaiser Octavianus (1. Band, Seite 31) mit:

Freundlich wollen wir mitsammen
viele Märchen, Possen reden.

Ein gutes Motto!

PS: Da muss uns Google den Tieck aus der Stanford University digitalisieren, damit wir ihn im Netz finden. Armes neues Deutschland!

13. August 2008

Ein Sprachtipp zwischendurch:

Wider den Stachel löcken

nicht (und ich schreibe das hoffnungsvoll für Suchmaschinen, wo wider den Stachel löcken richtig 637 Mal vorkommt):
wider den Stachel löken
(13×),
wieder den Stachel löcken (9×),
wieder den Stachel löken
(0×),
auch nicht mehr wider den Stackel löcken (2×) oder
wider den Stachel lecken.

Ochsen wurden mit einem spitzen Stock, einem Stachel, auf dem rechten Weg gehalten. Dagegen löcken, früher lecken, hieß sich widersetzen. Ursprünglich stammt das Bild aus der Apostelgeschichte in der Bibel. Die neueren Übersetzungen lassen zwar den Stachel drin, umschreiben aber das Löcken



Eine nette Erklärung fand ich in einem Bibelcenter für Kinder, wo auch dieses Bild her ist.

Lecken als mit den Füßen ausschlagen, hüpfen und springen ist ausgestorben. Auch dazu muss man bei Grimm nachsehen. Unter Punkt 4) meinen die Grimms (in ihrer typischen Kleinschreibung): der gebrauch dieses biblischen bildes hat sich bis heute erhalten, man wollte das verständnis des verbums schützen, indem man es auch läcken oder löcken schrieb (letztere schreibung in den bibelausgaben seit dem 17. jh.), und so von lecken lambere abhob

Apg 9,12 in der Lutherbibel 1912: Er aber sprach: HERR, wer bist du? Der HERR sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Es wird dir schwer werden, wider den Stachel zu lecken.
Lutherbibel 1912: Da wir aber alle zur Erde niederfielen, hörte ich eine Stimme reden zu mir, die sprach auf hebräisch: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Es wird dir schwer sein, wider den Stachel zu lecken.
Apg 26,14: Wir alle stürzten zu Boden, und ich hörte eine Stimme auf Hebräisch zu mir sagen: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Es wird dir schwer fallen, gegen den Stachel auszuschlagen.

Sieht man im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm nach – Stichwort Stachel, Absatz 2) b) – , so findet man das Sprichwort bei Lessing sogar mit läcken, bei Schiller und anderen mit lecken. Die Herren konnten bei Rechtschreibfragen nicht im Internet nachsehen.

8. Juli 2008

Ein FeriendienstagDas ägyptische Museum in Bonn

Carla sollte mittags nach Limperich gebracht werden, das ist auf der anderen Rheinseite, südöstliches Beuel. Es ist regnerisch. Also fuhren wir mit der Straßenbahn. Die aber fährt nicht. Mitten in Beuel ist große Baustelle, ein neues Schienenbett wird gelegt, Schwellen, die nach Karbolineum riechen, blitzende Schweißarbeiten, kunstvolles Teeren, ein Bild hoher Kosten, wie es sich für das mittellose Bonn und dieses rein öffentliche Verkehrsmittel gehört. »Schienenersatzverkehr« war angekündigt, dessen Haltestellen nicht zu finden, jedenfalls nicht für mich Gelegenheitsverkehrsverbundenen. Also haben wir die Beueler City zu Fuß gequert, sind am alten Beueler Bahnhof wieder eingestiegen in die Linie, und dann aus unbändiger Fahrfreude gleich noch eine Station zu weit gefahren. Carla ging nur unter Protest wieder zurück. (Bild links: Uschebtis und Gesicht einer Königsfigur, Fayence, Spätzeit und neues Reich, um 600 und 1200 v. Chr., mit Blick auf die Adenauerallee; rechts: Frauenfigur auf einem Bett, bemalter Kalkstein, Neues Reich, ca. 1550—1290 v. Chr, im Hintergrund der schöne Kopf einer Grabstatue eines hohen Beamten, Altes Reich, ca. 2300 v. Chr.)

Ich bin dann zur Strafe ganz zu Fuß zurückgegangen von Beuel-Limperich nach Bonn, zwischendurch eine Schiffsreise mit der Fähre. Eine Stunde. Schön, erlebnisreich – große Wiesen, zwei reife Brombeeren, ein Wegkreuz (das, wo Birte ihren Radunfall hatte), an der Anlegestelle ein sehnsüchtiger Anschlag mit der Suche nach der am 29. Juni verlorenen »wunderschönen Frau. … Zuerst trafen sich unsere Blicke, als ich auf einer Bank saß, und dann einige Minuten später an der Fähre. …« Da wird einem doch gleich warm ums Herz. Mögen sie sich treffen und mögen.

Oben im Hofgarten hatte ich immer noch nicht genug »Exkursion«. Ich suchte mir das ägyptische Museum. Ein großer, schöner Saal im ersten Stock des Palais, Eingang östlich der Durchfahrt der Adenauerallee vom Park aus. Eine wahre »Musterausstellung«: genug für Reminiszenzen, ein bisschen Bildung, nicht zu viel für eine kurze Visite. Ein viertausend Jahre alter Holzsarg, Modelle wie Spielzeug, die Eleganz bescheidener Mittel, künstlerisch und handwerklich perfekt bearbeitet. Eine wilde Schlachtszene als großes Platten-Halbrelief. Katzen (Bilder: Mumienmasken, Karton bemalt, vergoldet, ptolomäisch, 3.—1. Jh. v. Chr.) Ewiges Leben. Für mich eine Erinnerung an Berlin, Pergamon (noch DDR-verstaubt), 6×6-Schwarzweißfotos mit der Mamiyaflex. Nun, da höre ich jetzt hier aus dieser meiner Studentenzeit dazu Chanson pour l’Auvergnat etc.

Das ägyptische Museum in Bonn, Di—Do 12—18 Uhr

6. Juli 2008

Carla morgens in der Bahn

Godesberg III – »klassisch«
– Besuch am Burgfriedhof

Jetzt weiß ich, dass mein erster Aufstieg zur »Godeburg« über die Direttissima (Südflanke) nicht gerade der schönste war. Wer diese »Burg« – als Burgenkenner kann man das Godesberger Ruinchen nur in Anführungszeichen setzen – und die Michaelskapelle besichtigen möchte, sollte entweder comme if faut mit der Limousine vorfahren oder hintenherum einen der Wege zum Burgfriedhof« wählen (Nordostflanke).

Der alte Friedhof ist schön, gepflegt, aktiv – ich erlebte sogar eine Beerdigung und hoffe nicht gestört zu haben. Ein Grabmal wohl aus Rudolf-Steinerscher Zeit fiel mir auf, das »Grabmal Dernen: ›Mutter Erde‹« (1912 vom Österreicher Adolf Simatschek), zuletzt dort begraben Irmgard von Wittgenstein, † 31. Mai 2000.

Außerdem hatte ich diesmal ja ein besonders aufmerksames Auge für Geschriebenes. Schon bei der Hinfahrt war mir in der U-Bahn der Sprachschmarren aufgefallen: »Bitte beachten Sie das Verzehrverbot auf Kölner Stadtgebiet!«. Zurück zu weniger verschrobenen Zeiten: Hier am Friedhof kann man fromme Sprüche über die Jahre kennenlernen, vom »frommen Andenken an die wohlachtbaren Eheleute Joh. Wilh. Düren, gew. Bauunternehmer (und seine Frau) … Fromme Christen! betet für Sie, damit Sie ruhen in Frieden« (sic) zu Ende des 19. Jahrhunderts über »in deutscher Heimaterde in Ostpreußen ruhen …« bis zur heutigen Sprachlosigkeit im Angesicht des Todes.

Sehr schön sind die Wegkreuze überall in Godesberg – hier die von 1751 und 1686 auf dem Burgfriedhof. Zu den unerklärlichen Zeichen schreibt mir dankenswerterweise Hans-Jürgen Müller von der die Denkmalbehörde in Bonn:»Es handelt sich um ein ehemaliges (Stein-)Wegekreuz aus dem Marienforster Tal. Die Symbole (Hauszeichen) sind nicht vollständig beziehungsweise eindeutig zuzuordnen. Vermutlich handelt es sich um die Initialen der Stifter des Kreuzes, die möglicherweise Pächter der Wattendorfer (Wasser-)Mühle waren. Dieses Kreuz - wie auch das zweite aus dem Jahre 1751 - gelangte nach 1890 im Zuge von Straßenausbauten auf den Burgfriedhof. Beide sind als historische Ausstattungsstücke des Baudenkmals Burgfriedhof anzusehen, der seit 1984 unter Denkmalschutz steht.«

Zur Kapelle bin ich dann gleich zweimal gepilgert, alleine in der Früh und Mittags mit Carla. Wir begrüßten sogar aus gebührender Ferne die fromme Eremitin Schwester Benedicta, eine Servitin, als sie die Monstranz aus dem Tabernakel nahm (»Zeit für geistliche Gespräche Samstag 15.00 bis 17.00»).

Dann ging es mit Carla hinauf auf den Turm, gleich zwei Mal, denn Carla hatte vergessen, die Treppenstufen zu zählen. Wir kamen hinaufzu auf 157, hinunter auf 156, plus die fünf außen … Der Blick war nach den Unwettern am Vortag besonders klar und weit, hier der Kölner Dom von Bad Godesberg aus gesehen – und ein Lob auf meinen neunen Fotoapparat, eine Panasonic Lumix DMC-FZ18, die bei Bildgrößen bis zu drei Megapixeln von 28 bis 804 Millimeter Brennweite (auf 35 mm ungerechnet) optisch zoomt und einen das auch noch frei aus der Hand verwacklungsfrei nutzen lässt!

Noch ein letztes kleines Schriftbild aus Godesberg, das ja ganz in arabischer Hand ist:


PS: Ich mag bald keine Bilder mehr einstellen. Man muss sich nur einmal ansehen, was schon alles im Netz steht. Da kann man seine Kamera gleich zu Hause lassen! Birte hat mich auf die Tour de France im Netz aufmerksam gemacht: http://www.google.fr/landing/tourdefrance2008/. Ich bin gleich ein wenig durch mein geliebtes Kalifornien gereist – deutsche Städte sind noch nicht zur Durchfahrt (»Straßenansicht«) mit Google bereit. Hier dafür ein Stück Champs-Elysées – auf den Link klicken und herumfahren.

PS. Über den berühmtesten Godesberger Stein habe ich nichts geschrieben, weil ich lange – und immer noch – an den Titeln dieses Herrn Venidius Rufus herumrätsele. Latein steht auf besagtem Stein, etwas ergänzt: Fortunis Salutaribus Aesculapio Hygiae Quintus Venidius Rufus Martius Maximus Lucius Calvinianus legatus legionis I Minerviae legatus Augusti pro praetore provinciae Ciliciae dono dedit. Soviel, so gut, und zu deutsch: Den Fortunae salutares (heilbringenden Gottheiten), dem Aesculap und der Hygia (vergl. unser Fremdwort Hygiene) stiftete diesen Stein Quintus Venidius Rufus Martius Maximus Lucius Calvinianus (dessen viele Namen auf Adoption und Hinzufügung der Namen mütterlicher Verwandten beruhen), Legat (= Kommandeur) der I. Minervischen Legion, kaiserlicher Statthalter der Provinz Cicilien.
···
Die Römer hatten eine Menge »Fortunen«, Glücksgöttinnen, der Gesundheit zumal. So gab es z. B. eine Fortuna Balnearis, der Bäder. Fortunis ist weiblich, Plural, Ablativ. Aesculap, vom Zeichen für Ärzte bekannt, ist deren Gott, Hygieia seine Tochter, für Hygiene zuständig. Der Stifter Lucius Calvinianus war der Chef der Legion, und zugleich – oder später, oder wie? – Statthalter in Sizilien? (Man hat die Vornamen als drei Stifter interpretiert. Marius Maximus soll ein Geschichtsschreiber gewesen sein. Ich meine, das waren einfach weitere Vornamen Calvinianus’.) Die Legio I Minervia wurde 82 vom römischen Kaiser Domitian für seinen Feldzug gegen die Chatten gegründet. Das Zeichen der Legion war die Göttin Minerva, Patronin und Namensgeberin der Legion. Die Legion war zunächst in Bonna (dem heutigen Bonn) stationiert, nahm aber an Feldzügen im gesamten römischen Reich teil. 89 war sie an der Niederwerfung des Saturninus-Aufstands in der Provinz Germania Superior beteiligt und erhielt den Beinamen Pia Fidelis Domitiana. Unter dem Kommando des späteren Kaisers Hadrian nahm die Legion an den Dakerkriegen Kaiser Trajans teil. Ihr Feldzeichen lässt sich noch heute auf der Trajanssäule betrachten. Nach der Eroberung Dakiens kehrte die Legion nach Bonn zurück.
···Doch meine Frage war nun nun: Wo war der Mann Statthalter? Provinciae Ciliciae – wo war das?
···In Sizilien, wie’s gern übersetzt wird? In Kilikien, wie andere vermuten – noch weiter weg von Bonn? Hat er den Stein gestiftet, als er dorthin zog? Ich weiß es nicht.
···Jedenfalls steht eine Kopie des Steins an der Godeberger Burg, das Original im Rheinischen Landesmuseum Bonn, ist dort allerdings meines Wissens nach nicht ausgestellt. Das Original ist aus hiesigem Trachyt, also schwarz; die Kopie hat Restaurator Keller aus Zement gemacht, also hell, aber das macht nichts. Farbe würde bloß abblättern.
Mein Foto 201004\Godesbergstein.jpg, meine Datei Godesbergstein.doc

3. Juli 2008

Godesberg II – »Ich Touri«

When a tourist, be a tourist – das ist meine Devise, wenn ich das erste Mal wo hinkomme. Den Michelin abklappern! In Bad Godesberg, das seit 1969 zu Bonn gehört, bin ich allerdings weniger fremd, hatte zwei Jahre lang jeden Montag Carla zum Singen in die Musikschule gebracht. Und jetzt eben eine Woche lang zur Zirkusschule. Also letzte Gelegenheit zu Besichtigungen, nicht nur arabischer Kaffeehäuser. Zumal die Tage ausnehmend heiß waren.

Vorgestern habe ich mir die Redoute (wörtl. Kostümball) und die anschließenden Gebäude angesehen. Das ganze schöne Ensemble soll aus der Hand der verarmten Stadt Bonn »in private Hände« gegeben werden. Europaweit wird ein Investor gesucht, der ein »hochwertiges Wellness-Hotel« daraus macht. Ein Luftschloss? Es regt sich Bürgerunwillen. Die Argumente werden gegenseitig auf Plakaten ausgetauscht. Ich kenne das aus Bonn selbst. Sind städtische Gebäude einmal gebaut oder aufwendig renoviert, lässt man sie langsam herunterkommen, müsste die Stadt doch die Erhaltung aus ihrem (leeren) Säckel bestreiten. Ein Neubau hingegen gilt als Investition und gelingt mit neuen Schulden. Land oder Bund legen dann noch etwas dazu, auf dass es von der Stadt her unwidersprechbar heißt: ›Hätten wir das Geld nicht ausgegeben, so wären die fremden Mittel verschwendet gewesen …‹ Oder: ›Wir haben ohnehin nur einen Teil zahlen müssen.‹ Kameralistik über mehrere »Kammern« hinweg.

Zurück zur Schönheit des Vergangenen, Vergehenden. Die Redoute ist heute ein Ballsaal, geschlossen; von außen, vom Stadtpark her aber ein schöner, barocker Anblick, repräsentativ. Rechts daneben (nördlich) das »Redüttchen«, ein Gasthaus; gleich links daneben ein schöner zugänglicher Bau, das »Haus an der Redoute«. Im Erdgeschoss eine Bildergalerie in den klassizistischen Räumen. Eine freundliche Dame am Empfang erzählt vom Bau. Ehemals in Privatbesitz, jetzt städtisch – oben hat sich, recht passend, der Denkmalschutz mit seinen Büros niedergelassen. Reste schöner Marmorierungen. Über hundert Jahre alte Parkettfußböden, weißer Stuck. Leider Türen und Türstöcke (der Stuck auch?) weiß überstrichen. Sonnendurchflutet. Die ausgestellten Bilder Geschmacksache. Ein paar Gebäude weiter unten die Musikschule, die hatte ich schon gekannt. Alles zusammen ein ausnehmend schöner Straßenzug.

Gestern dann – meine Zeitung war ausgeblieben, das Kaffeehaus fiel also aus – habe ich mich zur »Burg« aufgemacht. Ein beflaggter Turm in einer Burgruine überragt Bad Godesberg. Da wollte ich hinauf. Ich erspare uns Historisches und Offensichtliches: Im Zeitalter von Internet, Wikipedia und Panoramio-Bildern sieht man sich besser dort um, als selbst zu beschreiben oder zu fotografieren. Unten in der Alten Bahnhofstraße war die hochdeutsche Dame im Buchladen nicht von hier, wusste nicht, wie man auf die Burg kommt. Ein ausländischer Taxifahrer hat es mir dann liebevoll beschrieben. Da, wo sich Häuser über die Straße spannen, quert man die Hauptstraße (Aennchenplatz), und dann geht man den Berg hoch.

Die Godesburg-Promenade (ich nenne sie so) führt zunächst an einem an den Berg geklebten Wohnblock hinauf. Unten waren noch die städtischen Gärtner tätig gewesen und hatten entlang des Weges ordentlich gemäht. Doch schon auf der Freitreppe am Bau und der Brücke zum Berg hin kommt Hinterhofstimmung auf: Verwüstungen, Scherben, Grafitti (sogar ein verblasstes Hakenkreuz) und abgeschirmte Dachwohnungen, die noch nachträglich mit Nato-Stacheldraht gegen Seiteneinsteiger geschützt worden sind. Am Berghang leuchtet idyllisch eine rote Blechdose mitten im alles überwuchernden Schlingpflanzengestrüpp (»Naturschutz«). Weiter aufsteigend hat man einen schönen Blick über Brennnessel und die Stadt, oben ist ein anständiges Restaurant; es gibt Apartments zu mieten, monatsweise, die könnte man empfehlen. Ich unterhalte mich mit einer Journalistin, die den Morgen genießt und auf ihren Gesprächspartner wartet. Schön. Und immer der weite Blick auf das Siebengebirge.

Ich lasse mir dann noch den Turm öffnen und steige hinauf, wäre fast auf halber Höhe stehen geblieben. Durch einen schmalen Gang geht es weiter hinauf, zum Schluss über eine Holztreppe. Oben empfängt einen ein atemberaubender Rundblick – und eine breite Brüstung, auf dass keinem schwindlig werde. Da ist die Welt wieder ganz in Ordnung.

Ich mache Fotos, zoome mir Bonn heran, das Haus unserer Freunde im Kucksteinweg, das Hansa-Haus mit der Zirkusschule unten »im Dorf«. Der Bonner Posttower, ursprünglich umstritten, ist ein schönes Wahrzeichen.

Am Rückweg finde ich die Michaelskapelle. (Die zugehörige Eremitin soll Kerzen schmücken und Samstags Gespräche anbieten.) Innen ist’s eine Barockkapelle, offen, ungeschändet, mit rührendem Gästebuch für Gedanken, für Dank und Bitten an Gott und die Welt. Ich nehme für Carla ein Heftchen Mariengebete mit. Gisela ruft an. Bald muss ich Carla wieder abholen.

Mit der Journalistin hatte ich darüber gesprochen, dass nur eine erneuerte innere Einstellung wird Ordnung in die Verhältnisse bringen können, weniger elektronische Überwachungen und städtische Reparaturtrupps. Nun sinne ich darüber nach, wie krass unterschiedlich die öffentlichen Meinungsäußerungen in Grafittis auf Mauern und Gebäuden, in Gästebüchern sind. Schlimme Schweinereien – noch dazu in fehlerhaftem Englisch –, daneben rührend simpel: »Konni, I love you, Ma Schadtzi. Hab euch alle ganz doll lieb!« Alles überragend die frommen Eintragungen in das Gästebuch der Kapelle oder ganz oben am Turm, schön verziert: »Esteban aus Spanien war hier«. Die »Diversität« unserer Gesellschaft. Wenn sich die »Positiven« nur deutlicher, offener zeigten!

30. Juni 2008

Bad Godesberg, 30. Juni 2008, vormittags – Liberalismus

Ich sitze im Kaffeehaus*), draußen, genieße den kühlen Morgen. Kinder spielen im Stadtpark, gepflegte Blumenrabatten leuchten herüber. Direkt vor mir die Koblenzer Straße; die gebührenpflichtigen Parkplätze bleiben jeweils nur Sekunden frei. Radfahrer, alte Leute, im Park Rollwagenspaziergängerinnen und türkische Familien mit Kinderwagen. Denn: Carla hat Ferienkurs in der nahen Zirkusschule, ich habe Pause.

Beim Zeitunglesen ein Artikel über die »Freiburger Schule«, die »Ordoliberalen«, die vor sechzig Jahren die soziale Marktwirtschaft mit begründeten+), und einer über die Hayek-Tage in Freiburg#). Es gibt sie noch, die liberalen Denker. Nur populär sind sie nicht. Es gehört Mut dazu, nicht regulieren zu wollen. Unsere Gesellschaft wird immer einmischiger, staatsrufender, gerechtigkeitsfordender. Und obwohl die Politik diesem Trend populistisch immer weiter nachkommt, wird sie von Jahr zu Jahr unbeliebter. Von uns »Alten« entfernt sie sich weiter und weiter. »Dies ist nicht mehr mein Staat«, sagte mir jüngst ein alter Freud. Ich selbst schwanke zwischen pessimistischem und zornigem Missmut. Es ist kein Durchkommen. Mauern aus Filz. Die Leute wollen sich überall einmischen, der Staat soll es richten, und dann tut er das doch nicht. Als sei der Zusammenbruch des Kommunismus’ – der sich selbst »real existierenden Sozialismus« genannt hat – nicht Beweis genug für die Unsinnigkeit menschlicher Planwirtschaft. Jeder Techniker liebt seit der Erfindung des Schwimmerventils in der Klospülung sich selbst regulierende Systeme. Bloß: Die Leute sind keine Techniker. Sie wollen an den Knöpfen drehen, an allen Hähnen herumstellen, meist an denen der anderen. Eisenbahn statt Autobahn, Schienen- statt Individualverkehr, Regeln für alles und jedes.

Wie wird diese Politik wieder flott? Wie lässt sich dieser Staat einschränken auf das Nötigste? Auf dass er wieder agieren kann, dort, und nur dort, wo es ihn braucht, bei Recht und Ordnung im eigenen Land. Ich erlebe ihn fast täglich, allein schon am miserablen Schulsystem hier, hoffnungslos staatsmonoplisiert. Da wird »Chancengleichheit« als wichtiger erachtet als Bildung. Freizeit statt Fleiß. Soziale Harmonie soll Differenzierung durch Leistung ersetzen. Genauso im Großen: »Soziale Gerechtigkeit« ist wichtiger als Produktion, Wachstum, Wirtschaft. Das wird nie was. Leider, vielleicht, bald schon mag die große Krise kommen, dann gehen wir bombastisch-sozial unter in Gerechtigkeit – und halten es immer noch für ungerecht. Eine DDR-Nostalgie haben wir ja auch schon.

Damit zurück zu Carla. Ihre Zirkusschule müsste für heute rum sein.

*) Baguetterie Sami, Koblenzer Str. 65, 53173 Bonn-Bad Godesberg, Inh. Madhat Abou Hassira – Zweitsprache arabisch, drinnen läuft im Fernsehen NRJ.

+) Das Gedankengut der Ordoliberalen. Überblick über Personen, Ideen, Texte, Ziele und Wirkung der Freiburger Schule, von Indira Gurbaxani, Buchbesprechung von Nils Goldschmidt, Michael Wohlgemuth (Hrsg.): Grundtexte zur Freiburger Tradition der Ordnungsökonomik. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2008, 780 Seiten, € 40,90, NZZ 27. 6. 8 (int. 30. 6., meine Datei NZZOrdoliberale) … Dass Wettbewerb am Markt effizient mit sozialen Zielen verknüpft werden kann, findet sich in der ordnungspolitischen Vorstellung bei Alfred Müller-Armack ebenso wie bei Alexander Rüstow oder Wilhelm Röpke. …

#) Der hohe Preis der Freiheit, Die Hayek-Tage zu Zwangsabgaben und Zwangsvorgaben, Von Michael Wolgemuth, NZZ 30.6.8 (meine Datei NZZHayekGesellschaft) … Der Staat verlangt einen immer höheren Preis für Leistungen, zu denen längst nicht mehr nur der Schutz von Freiheit, Sicherheit und Eigentum seiner Bürger gehört. An den Hayek-Tagen in Freiburg i. Br. wurde erörtert, ob dieses Angebot seinen Preis noch wert ist.

26. Juni 2008


im Landschulheim Marquartstein
Alle Fotos hier im Web

Vielleicht wendet sich die Wiedersehensfreudigkeit in ein paar Jahren wieder zum Besseren. Heuer jedenfalls überwogen die Abstinenzen. Mir hat das leid getan. Wir haben 1961 am Landschulheim Marquartstein in »(13a)« Oberbayern Abitur gemacht, waren davor dort mehr oder weniger lange in einer der beiden Parallelklassen, siehe www.Joern.De/Mstein.htm, und sind inzwischen rechnerisch alle im Rentenalter.

Als ich jetzt am Freitag, 20. Juni 2008, nach achtstündiger Irrfahrt von Bonn über das ferienbeginnende Hessen um zehn Uhr Abends ankam, stand der Hotelparkplatz voller edler Limousinen. Mein Freund HerneidXvonXdemXKnesebeck hatte im vornehm-reichen und günstig gelegenen Weßnerhof in Pettendorf Zimmer reserviert – war aber zuletzt dann leider selbst nicht gekommen. Nur mein Freund UweXFalck aus Hamburg war mit seiner Frau Ulrike da.

Das Navigationssystem hatte mich auf teils sinnlosen Umwegen präzise hingebracht. Nun stand ich da, umgeben von dicken Autos mit kurzen Nummern, Modell München A acht, und dachte mir: Ei Protz! Dabei saß ich selbst in einem solchigen, und hatte mein eigenes, einen über zehn Jahre alten E-Mercedes, zu Hause gelassen, weil meine vollbeschäftigte Frau das teure Nass zum Tränken ihrer Audi-Pferde von ihrer Firma bezahlt bekommt …

Vielleicht, so räsoniere ich, waren so wenige von uns da, weil sie in ihren jeweiligen Lebensumständen diese Parade der Erfolgreichen, Glücklichen, An- und Aufgeregten scheuten. Man stapft ja doch durch ein Wechselbad der Gefühle bei so einem Treffen. Mich hat prompt das Heimweh erwischt, am Sonntag am Fußsteig zur Burgkapelle (letztes Bild unten): Erst das atemberaubende Gefühl von Heimat, wiedergefundener Heimat, neun Jahre lang täglich beschritten. Minuten später der Verlust: Man geht wieder auseinander. Man gehört hier nicht mehr dazu, es liegt ein ganzes Leben zwischen bescheidener Schulzeit und bescheidenem Rentner mit Zipperlein. Dieses Dazwischen wird freilich je nach Gusto ausgeschmückt oder nicht erwähnt, wird kolportiert, selten systematisch berichtet.

Mitten im Dorf die Achenbrücke steht zwar noch, man kann auch wieder darüberfahren – ich erlebte sogar zufällig ein junges Paar, das die klassische Mutprobe bestand und schwindelfrei über die hohen Bögen balancierte (rechts FeodoraXSophieXWolff – wie immer sind die Bilder klickbar! Der Rest der Bilder dank Henning hier im Internet).

Die Schule ist mehr als je aktiv: 840 Schüler, fast 90 Lehrer (zunehmend weibliche) für die 25 Klassen; 105 im Internat – rund die Hälfte Mädchen, was wir nicht hatten, jedenfalls nicht im Internat, nur extern eben. Sechzig im neuen Tagesheim, wo die Kinder nachmittags bis Viertel vor Fünf betreut werden. (Anders als hier in Nordrhein-Westfalen nennt sich das dann nicht geschönt »Ganztagsschule«.) Das Tagesheim steht dort, wo wir den achteckigen Musikpavillon hatten, und red sails in the sunset sungen. Im der neuen blauen Festschrift »80 Jahre LSH Marquartstein« schreibt der Elternbeirat Prof. Dr. med. HelmutXMilz von der komplizierten Logistik der Busverbindungen. Kann man sich vorstellen!
Zurück zu den zahlreich Fehlenden: Die mir mitgeteilten Gründe hatten mich schon vor der Abfahrt teils bedrückt. Lauter Alte und Kranke oder der Heimat Ferne. Da war Schorschs Mutter gerade frisch operiert worden und lag im Krankenhaus, mein zeitweiser Zimmerkamerad EberhardXNowak nach einem Herzinfarkt 2000 jetzt frisch mit Bypässen versorgt worden, JustusXMüller wurde am Kiefer operiert, GötzXZarges’ Bruder Frank feierte seinen Siebzigsten, HenningXvonXBostell in Köln hatte ein Hausumbaufest in der Familie, »Oma« (KlausXHüttig) war erstmals Opa geworden und in London, VolkerXHopf lebt ohnehin glücklich in Australien, und so weiter, wie auch immer.
Am Freitag, spät und wenig frisch angekommen, bin ich dann leider nicht mehr ins Festzelt gegangen. Ich hätte dort neben den üblichen Verdächtigen noch SchorschXArnold und UteXKellner angetroffen, die sich hernach nie mehr hatten sehen lassen. Blöd. Wie mir »Fage« (»Farge«?) (GunterXHemmel) und die anderen übereinstimmend berichteten, saß eine kleine Gruppe von uns bis lang in die Nacht hinein beisammen. Junge waren wenige im Zelt. Dafür zum Beispiel unser letzter Erzieher und Deutschlehrer HeinoXJahn, der sich dann schon wegen dem Lärm einen zweiten Abend im Festzelt erspart hat. Ich traf ihn dann am Sonntag am Ende der Burgbesichtigung (Hier im Bild in Denkerpose).
Am Samstag war ich dafür dann ordentlich früh wach. Morgenstund hat Gold im Mund, besonders in den Bergen, und wenn man Fotos machen möchte. Uwe und Ulrike saßen noch beim Frühstück, da blickte ich am Neuen Schloss schon hinauf zum Turm und zur wallenden Mstein-Fahne (erstes Bild oben). Ich habe dann noch ein paar Bilder von der steinernen Wendeltreppe gemacht, die im »Fliegenden Klassenzimmer« vorkommt und uns zu Rundläufen und Wäschesackabwürfen animiert hatte, mehr oder weniger freiwillig. Dann holte ich Uwe und Ulrike ab.
Es war ein schöner Vormittag der »offenen Tür« in der Schule, Hallos, Händeschütteln, aufgeräumte Stimmung, und dazu Veranstaltungen – leider viele natürlich parallel. Im Bild vor der Schule (Dr.) UwexFalck und seine Frau Ulrike, in der Mitte HanslxHuber. Ich hörte mir von Mathe- und Physiklehrer, StR z.A.**) BenjaminXRiegel den Vortrag über Dunkle Materie an. Spannend. Oben in der Bücherei unter die Diskussion über den Wandel des Geschichtsunterrichts litt unter Strukturschwäche, regte mich aber doch zum Nachdenken an, wie anders als die Heutigen wir nicht nur Geschichte, sondern selbst Gott (samt Religion) und die Welt gesehen haben. Härter? Unsere glücklich aus dem Krieg heimgekehrten Erzieher, eher ein wilder Haufen als staatlich geprüfte Premium-Pädagogen, mussten ihre traumatischen Erlebnisse ohne Betriebspsychologen verarbeiten. Uns Schülern gegenüber war das Thema tabu. Wir hatten – und haben – es heute besser. Danken wir Gott dem Frieden.

Zu Mittag saßen wir in einer kleinen Gruppe am Platz vor dem Unterhaus. Die Schule hatte einfaches Essen spendiert und Getränke, genau richtig. Eine Erzieherin hat uns dann noch durch das Unterhaus, Mädchenzimmer, geführt, alles sauber und ordentlich. Die Kapelle ist ein Leseraum geworden, wird nur mehr bei besonders erschütternden Ereignissen zum Beten verwandt. Klimawandel: Das Weihwasser längst vertrocknet. Dafür Blumen an den Balkonen. Der Festsaal mit moderner Beleuchtungstechnik und einem Keramikfries, der sich wohl Jahr für Jahr töpferisch verlängert.

Mit Hansl und den Falcks bin ich dann über Schleching zur Streichenkapelle gefahren beziehungsweise das letzte Stück gewandert. Am Waldparkplatz ein solarbetriebener Parkscheinautomat – angeblich müssen die Gemeinden dem Forst für Parkplätze Miete zahlen. Die schönen Fresken, den weiten Blick zum Kaiser bewundert. Oh Heimat! Dann lange im Gasthaus zusammengesessen. Nebenan war Gallus (HermannXHennecke) am Diskutieren – ein alter, drahtiger Lehrer aus unserer Zeit, der dann aber vorzeitig ausgeschieden war; er war mit dem Mountainbike gekommen. Zurück über Kössen und Reit im Winkel. Windschäden im Wald.
Abends im Festzelt eher ungemütlich. Man musste schreien, um sich zu verstehen. Oder sind wir alle schon ein wenig terisch? KlausXBigall war da, wie immer anregend aktiv, will beim nächsten Treffen helfen. Wir sollten es bald und selbst in die Hand nehmen, 2011 »Fünfzig Jahre Abitur«, vielleicht einen Tag länger machen, kleine Touren organisieren, kurze Lebensläufe als Eintrittskarte verlangen. Was meint ihr? Eine Lehrer- und Erzeiherliste hätte ich auch gerne zusammengestellt, bräuchte Hilfe! Zurück ins Zelt: Gunter war mit seiner dreizehnjährigen Tochter gekommen (rechts HanslXHuber), nett und eine Augenweide, die sich natürlich nicht gerade wohl fand unter uns.
Zwischendurch schlich ich mich hinaus, noch ein paar Bilder zu machen, wanderte durch das (wie alle deutsche Siedlungen) in seinem Inneren leicht verfallende Dorf; das »erste Haus am Platze«, die Alpenrose, seit Jahren leerstehend, in einem Innenhof ein Hakenkreuz angesprayt.
Zurück im Festzelt dann ein gutes Gespräch mit Dr. PeterXStolberg – (hier rechts im Bild auf der Burg), meinem Deutschlehrer, der sich besser an manche Aufsätze von mir erinnert als ich selbst. Er ist immer noch sehr aktiv verbunden mit der Schule, betreut einzelne Schüler, etwa wenn deren Eltern in weiter Ferne leben, räumlich oder geistig. Viele Lehrer sind über Nachhilfen noch stark schulverbunden. Schön. Leider schlägt mich bei solchen Gelegenheiten mein ungepflegtes Gedächtnis besonders. »Weißt du noch?« – Und ich weiß nicht. Oben auf den Bergen leuchteten die Sonnwendfeuer …
   Sonntag wieder ein strahlender Tag! Um viertel nach zehn gab es eine ökumenische Dankandacht in der Burgkapelle, geleitet vom Altmarquartsteinervorsitzenden FrankXSpringer und Religionslehrer ChristianXZill, zirka sechzig Leute, und dabei vor allem schöne ländliche Musik von der »Buxbaum«-Musik: Gitarre, Bass, Harfe und Hackbrett. Feierlich und schön. Hernach habe ich mich noch in der Burg mit Herrn Zill über das veränderte Gottes- und Religionsverständnis unterhalten, zu kurz. Er meinte, zu unserer Zeit sei Religion Erziehungshilfe gewesen. Na und? Da hätten wir weiter reden müssen. (Im Bild rechts: »Penny« – ErichXPenzkofer – mit »BunnyXHuber« – jetzt A.XWilm.) Es gab Brezen und Getränke, die Sonne strahlte herein in den Burghof, Erinnerungen wurden ausgetauscht, AlbrechtXGrafXvonXRechberg, 1931 mit als erster in die Burg eingezogen, erzählte: Jeden Morgen gab es obligatorisch Frühlauf. Von 55 Schülern waren nur nur 3 Katholiken, die immer zur Frühmesse mussten, was den Zeitplan durcheinander gebracht hat. 1933 im Burghof eine Aufführung des Götz von Berlichingen (mit Christian Probst). Wie er daraus zitiert, sekundiert mein Freund UweXFalck***). Zur wenig bekannten Buggeschichte berichtet er, dass zunächst (vor dem Jahr Tausend) Bauen ein königliches Privileg war, erst später durften Grafen ohne zu fragen Mauern bauen – denn die waren wehrhaft. Bautrupps kamen aus Italien. Die Burg Marquartstein wurde 1070 erbaut, doch das kann man inzwischen in der Wikipedia und anderswo nachlesen. In der Burg stand ein Turm in der Mitte, 1840 abgerissen. Links und rechts Wallwände und Verteidigungsgänge. Auf der heutigen Küchenseite der Palas.
    Am Nachmittag bin ich noch zu Hansl nach Aschau gefahren. Das alte Haus Zillibillerstraße 4! So etwas kenne ich nur aus den Bergen: Häuser, Wohnungen, Stuben, Balkone, eingebaute Bettstellen, die unverändert sind und bleiben, zehn, zwanzig, fünfzig, hundert Jahre lang. Warum auch nicht? Unterhält man sich in der Wohnküche am Hocker besser als am Sofa mit Nierentisch, im Loft lustiger als in der getäfelten Stube? Sieht ein Fouton besser aus als ein nicht ganz ordentlich aufgeschütteltes Plumeau hinter rotkarierten Vorhängen? Fragen über Fragen, melancholisch manche, mit denen ich offen ende.


Panoramablick vom Fußsteig zur Burg (rechts)
*) Alle ausgeschriebenen Eigennamen haben hier ein unsichtbares X zwischen Vor- und Familiennamen. Damit erscheinen Sie Suchmaschinen als langes Einzelwort mit X, bleiben somit für Google & Co. unauffindbar. Nur der Schriftsatz leidet etwas.

**) Amtliche Amtsbezeichnungen:
OStD: Oberstudiendirektor
StD: Studiendirektor
OStR: Oberstudienrat
StR: Studienrat
StR z.A.: Studienrat zur Anstellung
Lass: Lehramtsassessor
FOL: Fachoberlehrkraft
FL: Fachlehrkraft
A.i.L: Angestellte(r) i. Lehramt
nb Lkr: Nebenberufliche Lehrkraft
***) Eine ausführliche Darstellung »Schultheater am Landschulheim« findet sich in der neuen blauen Festschrift zur Achtzig-Jahr-Feier des Staatlichen Landschulheims Marquartstein. Sehr empfehlenswert auch die Site des Landschulheims unter der Leitung von StD a.D. Hans Niedermeier
Links zu Berichten: Chiemgau-Zeitung, Traunsteiner Tagblatt (bitte weitere melden)
Meine Bilder

7. Juni 2008

Gruppokratie. Ich weiß, den Ausdruck gibt es nicht. Die Sache auch nicht, wird mir jedes »Mitglied« versichern. Wir leben in einer Demokratie, als »Europäer« sogar in siebenundzwanzig! Fünf übereinandergeschichtete Lagen, fünf Register Regierungen: Stadt, Land, Bund, Brüssel und die Vereinten Nationen umtönen uns mit einem Schwall großer Worte und zahlreicher Vorschriften. Die oberste Behörde meint sogar, durch Abstimmungen »Menschenrecht« zu setzen. Als die Demokratie noch frisch war in Deutschland, war ich dort im Gymnasium (im »Freistaat«). Wir haben das gelernt: direkt gewählte Volksvertreter, die in unserem Namen im Parlament reden und abstimmen. Das scheint lange her. Jetzt reden sie in Ausschüssen und stimmen im Namen ihrer Partei ab. Die Partei ist eine Gruppe einigermaßen Gleichgesinnter. Politik machen politische Hauptberufler. Sie wollen möglichst immer dran sein, eigene Meinung hin oder her. Stattdessen vertreten Umfragen den Volkswillen. Fernsehnachrichten und Bild sprechen die Volksmeinung aus. Wer sich da recht im Kreise mitdreht, der ist dabei, ist in.
Doch zurück zur Gruppokratie. Wir werden von Gruppen regiert; regiert im Politischen, regiert aber auch emotional, und gedanklich beeinflusst – so wir uns denn Gedanken machen. Gruppeninteressen treiben die Welt an. Aufzählen lassen sich nicht nur Parteien, Standesvereinigungen (Hartmannbund), Umweltorganisationen, Abgeordnete, vereinte Nationen, Mafia, Scheichs, Al Kaida, Sorben, Journalisten, Warlords, man nenne, was kommt und sich für eine Gruppe hält. Und dann sehe man sich ihre Interessen an.
Bei uns sind es Gott sei Dank meist recht grüne Gruppen. Sie wollen alle die Welt retten, mit unserem Geld, treffen sich in Rom (Welternährungskonferenz, »mehr als« fünfhundert Teilnehmer), auf Bali (Klimakonferenz, »gut elftausend« Teilnehmer) , in Bonn (Biodiversität mit angeblich fünftausend Teilnehmern) , in Davos (über zweitausend Teilnehmer). Selbst die Bauern kriegen mehr für die Milch, wenn sie vorher zuviel produzieren und sie dann gemeinsam wegschütten.
’s ist eine Welt der Interessengruppen geworden. War das immer so? Sind die Gruppen genügend verzahnt, so bewegt sich nichts mehr: Filz. Sind sie nicht verfilzt, so streiten sie. Das zahlende Publikum darf zuschauen, ist ja unser Geld, das da sozial gerecht, bio- oder sonst höchst divers verteilt wird. Die »Gruppe« der Künftigen, die die Schulden dereinst werden ausbaden müssen, ist nicht vertreten, bleibt abstrakt. Am besten, sie bleiben ganz aus, dann können wir alles unter uns verteilen.
Der Einfluss von Sinn und Verstand des Einzelnen auf dieses Gruppengewabere ist minimal. Wer traute sich zu fragen, ob eine Erderwärmung nicht Heizkosten spart? Ob unser Engagement für Diversität auch für Malaria gilt? Ob sich Afrika nicht – etwas Ordnung und Frieden vorausgesetzt – selbst ernähren könnte? Warum wir unsere Heimat in Afghanistan verteidigen und nicht in Liechtenstein?
Nötiger Themenwechsel. In meiner ersten Firma habe ich gelernt, dass man die Notwendigkeit einer Abteilung am besten dadurch beurteilt, dass man sie abschafft. Tut’s danach weh (selten), dann muss man eine ähnliche wieder neu aufbauen, aber bitte mit neuen Leuten. Wie wäre es, wenn wir in der Politik reihrum Organisationen auflösten? Bundesländer zusammenfassten? Kultusministeriumsbewohner zu Lehrern umschulten? Die Sportförderung den Privaten überließen, alles Theater und Fernsehen auch? Sechzig Prozent des Benzinpreises sind Steuern, bezahlt aus einem um fünfzig Prozent abgabenreduzierten Einkommen. Fiat res "publica" et pereat mundus.