9. November 2021

Gendern usw. Duden

Meine Damen und Herren!

Gleich als erstes die Damen anzusprechen, wie hier, ist Höflichkeit. Auch aus dem Mantel darf man ihnen helfen. Nur ein Handkuss geht heutzutage nicht mehr, und ging früher auch nur korrekt, wenn die Dame saß. Tritt eine Dame in den Raum, so stehen die Herren »gefälligst« auf. Die Hand zum Gruße, wenn überhaupt, reicht immer zuerst die Dame. Sonst ist eine kleine Verneigung richtig, mit dem Gedanken im Hinterkopf: »Meine Verehrung, Gädigste!«. Ob heutige Frauen das wollen?

Jetzt kommt die Rede, egal ob von einer Frau oder einem Mann gehalten. »Meine Damen, meine Herren!« Damit ist aber auch genug, genug der Floskeln. Die Rede soll überzeugen, erinnern, loben, erklären, auffordern – was auch immer. Wer sich angesprochen fühlt, bestimmt nicht der Redner. Manche Zuhörer schlafen ja auch ein.

Gendern verdünnt die Aussage

Bei einem verehrten Prediger lese ich: »Christinnen und Christen sind Bürgerinnen und Bürger der jeweiligen Gesellschaft, in der sie leben.« Ja schon, aber das klingt windelweich und herumgeeiert. »Christen gehören zur Gesellschaft, in der sie leben«, oder »sind Teil der Gesellschaft«, das wäre eine klare Ansage. Oder, von mir aus: »der bürgerlichen Gesellschaft«. Gerade die Bibel mahnt in der Bergpredigt zu Kürze, allerdings im Zusammenhang mit Schwören, das die Bibel nicht mag. Stattdessen empfiehlt sie, etwa bei Luther (Mt. 5,37) : »Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel«. Modern klingt das noch kürzer: »Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.«
   Wer »gendert« lenkt die Aufmersamkeit auf Geschlechtsunterschiede, auf eine zweigeteilte Gesellschaft, und damit natürlicherweise weg von der Sache selbst. Meiner Meinung nach denkt der Mensch meist nur einen Gedankengang, er oder sie »multitaskt« nicht im Gehirn (selbst wenn er natürlich zwei Sachen gleichzeitig machen kann). Also fehlt der eine Gedanke, wenn ein anderer betont wird. Oder? Zudem berücksichtigt der Gendernde meist nicht die »Diversen«, die in Deutschland seit 2018 anerkannt sind, geschätzt
⅓ ‰ der Bevölkerung.
   »Ich geh’ mal beim Bäcker Brötchen holen«, das ist ein ganz normaler Aussagesatz. »Beim Bäcker oder der Bäckerin« wäre geschraubt. Und selbst »in der Bäckerei«, die grammatikalisch weiblich ist, wäre eine Sprachnuance verloren gegangen, die zwischen einem Bäcker und einer Bäckerei differenziert. In grober Sprache ist ein Bäcker eine Bäckerei. Für mich backt der Bäcker Brot und die Bäckerei – die mir nach Feinbäckerei klingt – Plätzchen. Aber bitte: Feinheiten werden in »gendergerechter« Sprache weggehobelt, Hauptsache man wird der präsumptiven Selbstwahrnehmung des »zarten Geschlechts« gerecht. Ja woher weiß denn der sprachwählerische Redner, wer sich im Publikum wie angesprochen fühlt. Frauen, hört nur auf die weibliche Form?
   Ich selbst, eher männlich, fühle mich bei der Endung -innen jedenfalls nicht angesprochen.
   Das generische Maskulinum ist da zu weit weg, obwohl es im Deutschen erst einmal generell gilt, aktueller Gebrauch hin oder her. Auf Wikipedia kann man ausufernde Kontroversen dazu lesen.
   Sprache ist, was einer sagt und der andere versteht, ist keine definierte Mathematik, wo 2 + 2 = 4 gilt. Ein Gendersternchen * ist kein Malzeichen, ×. Höchstens ein altmodischer Verweis auf eine Fußnote.

Pierre, Irène, Marie Curie
©Corbis

   Ich hoffe, dass das Gendern eine Modeerscheinung bleibt. Marie Curie bekam ihre zwei Nobelpreise nicht, weil damals Gendern angesagt war. Ich bezweifle, dass Gendern Frauen etwas bringt, aber bitte, das ist Ansichtssache. Die Sprache jedenfalls verhunzt’s.  

BesucherzaehlerLink hierher https://bit.ly/fj3H9iV5a
 =  https://blogabissl.blogspot.com/2021/11/gendern-usw.html

Man könnte unendlich viel sagen zu Gendern und zu modernen »Verbesserungen« von Texten, vom falschen Gebrauch einer Tätigkeitsform wie bei »Studierenden«, die vielleicht mehr feiern als studieren, von »Lehrlingen«, die keine sein dürfen, von ganz harmlos gemeinten Negern oder Zigeunern. Sehen Sie sich meine Neger-Studie an: https://blogabissl.blogspot.com/2019/03/neger.html .
   Lesen Sie das NZZ-Interview mit Elke Heidenreich vom 10.11.2021 https://www.nzz.ch/feuilleton/elke-heidenreich-ueber-shitstorms-literatur-und-gendersprache-ld.1654095 . Sie sagt deutlich: »Man kann nicht alle Menschen in jedem Satz erwähnen und glücklich machen. Diese Betroffenheitskultur finde ich völlig falsch« und meint konkret: »Das Wort ›Schriftsteller:in‹ ist idiotisch – akustisch, aber auch in schriftlicher Form ist es grammatikalisch falsch. Da schlägt die Hysterie gerade sehr weit aus. Ich glaube aber, dass sich das nicht durchsetzt, denn das ist eine bestimmte Gruppe, die das macht. Das Gendern ist nicht in der Bevölkerung verankert.«

Den On-line-Duden können Sie vergessen 

Der Duden, der dem Sprachgebrauch folgt und für viele damit verbindlich wird, hat seinen Umfang aufgebläht. Nicht, dass ich ein Duden-Beobachter wäre. Aber Schlagzeilen wie »Der Duden schafft das generische Maskulinum ab« fallen selbst mir auf, etwa hier: https://www.stern.de/gesellschaft/duden-schafft-generisches-maskulinum-ab--warum-das-anmassend-ist-9560662.html  . Das kann er nicht und das darf er nicht, weil er die Sprache (und damit die deutsche Rechtschreibung) nur dokumentieren soll, statt daran herumzuschrauben. Er schafft nichts an und nichts ab. Etwas Demut täte diesen Sprachexperten gut.

Wenn ich sage: »In gehe zum Bäcker Brötchen holen«, dann wissen alle, was ich vorhabe. Nur der Duden nicht. Der definiert den Bäcker ausschließlich als »Handwerker, der Backwaren für den Verkauf herstellt (Berufsbezeichnung)«, siehe https://www.duden.de/rechtschreibung/Baecker , sprachliche Häufigkeit 2/5. Dass man mit Bäcker auch eine Bäckerei meinen kann, das weiß er nicht. 

Dieser Kasten, in dem einem ein Licht aufgehen soll, steht wohl bei jedem generischen Maskulin. Dazu kommt dann noch die weibliche Bezeichnung, die im Gegensatz zur »männlichen« nicht beides, ja alle meinen kann: Männlein und Weiblein und Diverse etc. Die Bäckerin ist grammatikalisch und genderlich – sagt man so? – immer weiblich. Sie ist im Duden eine »Handwerkerin, die Backwaren für den Verkauf herstellt (Berufsbezeichnung)« – freilich ohne Warnhinweis, ob sie divers sein darf. Häufigkeit 1/5.

Der Duden sollte sich da heraushalten. Er ist nicht dazu da, mir als Schreiber zu sagen, wie eindeutig ein Begriff ist oder wie flexibel. Vieles in der Sprache ist doppeldeutig, vom Föhn bis zum Messer. Wir sind doch nicht doof. 

Beim Reh sind Natur und Duden noch intakt: https://www.duden.de/rechtschreibung/Reh  

Probieren Sie statt dem Duden einmal das digitale Wörterbuch der deutschen Sprache: https://www.dwds.de/wb/B%C3%A4cker

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