27. März 2008

Reichtum

Original schwarzweiß. Romano Scarpa, 1957, «Paperino e l’ anti-dollaròssera»
Deutsch »Das Talervirus«, »Der Geldvirus«, franz. «Picson attrappe la dollaricelle».
« Che c’è di più vivificante del tuffarsi nei propri freschi e corroboranti soldi? »,
»Es geht doch nichts über ein erfrischendes Bad in meinem geliebten Geld!«
Quelle https://www.comicartfans.com/gallerypiece.asp?piece=1622435.
ossera = Beinhaus

Reichtum. »Soziale Gerechtigkeit« stößt sich immer wieder an »Reichtum«. Selbst die Wikipedia veröffentlicht Listen der reichsten Deutschen. Der Stern endet seine heutige Reportage über Lidls liderliches Lauschen bei Mitarbeitern mit der Anmerkung: »3000 Euro Schmerzensgeld« – das Mitarbeiterinnen vielleicht bekämen, klagten sie erfolgreich über ihre Videoüberwachung – »von dem Vermögen, das Lidl-Gründer Dieter Schwarz im Laufe seines Lebens aufgehäuft hat, wären das weniger als 0,00003 Prozent.« (Name von Dieter Schwarz nicht verändert, von den Kassierinnen schon.) Wie müssen wir uns das vorstellen?



»Nach einem Kopfsprung werd’ ich die Dinge luzider sehen – vielleicht.«

Am besten wir denken gleich an den Allerreichsten der Welt, an Onkel Dagobert. Da ist er im Topolino N. 2073, 22.8.1995 (« Zio Paperone e la proposta dell’ alter-ego »), p. 16, gezeichnet von Giorgio Cavazzano. Gerade setzt er zum Sprung vom Einmeterbrett an: »Einmal eintauchen, und ich seh’ die Sachen vielleicht klarer, glänzender!« Nun, wir wollen’s versuchen.

Der Reichtum unserer Reichen liegt nicht als goldene Masse im Tresor, auch nicht in Scheinen unter dem Kopfkissen oder im Bankschließfach. Nicht einmal in Liechtenstein. Dergleichen zählt nicht in der Statistik. Das Vermögen der Reichen arbeitet. Bei Herrn Schwarz sind es die Lidl-Läden, bei den Albrecht-Brüdern die Aldis, bei jedem etwas anderes, das Geld bringt – und Arbeit, und Steuern. Würde Herr Schwarz seine Lidl-Geschäfte verkaufen, so müsste sie ihm jemand abkaufen. Abkaufen mit Geld, das er oder sie durch den Verkauf eines anderen Besitzes bekäme. Mit Geld im Dagobertschen Sinne hat das wenig zu tun. Und wenn dann einmal einer seine »Schätze« verkauft, an »Heuschrecken«, wie sie so schön heißen, und sich mit dem Erlös eine Villa mit Yacht in Nizza leistet oder eine Welt(raum)reise, wem ist denn dann geholfen? Die Expropriierung nach realsozialistischem Muster bringt höchstens den Niedergang der Sache, nicht den Aufstieg des Reiches

Denn eigenartigerweise findet sich der Staat nicht in den Reichtumslisten*). Es wäre ja einmal interessant zu wissen, ob er seinen Reichtum mehrt – oder nur seine Schulden. Nun, seine Aufgabe ist nicht “shareholder value”, mag der Staat unseren Gemeinbesitz ruhig herunterkommen lassen, wir bauen später einfach neu, denn staatliche »Investitionen« dürfen eher kreditfinanziert werden als laufende Ausgaben, zu sehen an jedem herunterkommenden Schwimmbad.

Zurück aber zum Vermögen. »Vermögen verpflichtet«. Richtig. Und da sind mir die Brüder Albrecht allemal lieber, weil sie ihre Läden in Schuss halten, weil sie ihre Angestellten mehren und bezahlen, als der ach so soziale Staat, der Nokia fördert, bis sie weggeht, und die Kohle, bis der Berg einstürzt. Natürlich gibt Ineffizienz Scheinarbeit, gleichartige Ministerien in jedem Bundesland auch, sogar zigfach. Doch die Beamten werden an der Nase herumgeführt, wenn man sie in Bayern dasselbe tun lässt wie in Bremen, sagen wir: Schulbücher aussuchen. Schüler, die umziehen, haben das Nachsehen. Öffentliche Verschwendung gibt es ohne Ende. Kein Politiker bürgt. Kein Regierender wird ärmer, wenn er Mist baut. Gut, auch Industrie-Manager werden manchmal mit einem »goldenen Handschlag« entlassen, dafür sind aber die Besitzer verantwortlich; ihre Aktien sinken. Genug.

Was ich sagen wollte: Man unterscheide zwischen Produktivvermögen (das allerdings auch in Liechtenstein liegen kann) und Konsum. Eine Yacht ist Konsum, und wird nur einmal beim Kauf versteuert.
   Produktives Vermögen dagegen scheint dem Staat ein Ärgernis zu sein. Es bringt Geld, muss versteuert werden. Also auf geht’s, Leute, verprasst euer Geld! Fliegt ans andere Ende der Welt, besucht mit Kreuzfahrtschiffen Venedig. Gebt euer Geld dort aus! Fiskusfrei. Wer spart, muss nur immer Renditen und Kursgewinne versteuern. Lasst den Rubel rollen, springt hinein ins volle Schuldenleben:

(Topolino N. 2009, 31.5.1994, « Zio Paperone e la febbre dell’ oro », gez. von Emanuele Barison, Seite 184: »Ihr springt dann auf meinen Pfiff, gleichzeitig!«)    

Ja, Geld kommt zu Geld – und das ist gut so!

*) s. Schieflaufende Entwickungshilfe: »Man kann sich die Notenbank eines Landes wie einen riesigen Vermögensverwalter vorstellen. Theoretisch könnte sie einen Goldschatz damit aufbauen, marktfähige Wertpapiere kaufen oder wichtige Importgüter finanzieren.«  
 
PS. Die schönste Geschichte zu diesem Thema stammt von Altmeister Carl Barks (1901 – 2000) und wurde noch von der legendären Frau Dr. Erika Fuchs (1906 – 2005) übersetzt: »Donald Duck. Wehe dem, der Schulden macht.«, Nummer W/WDC124A, Originaltitel “Allergic to Money” bezw. “Billions to Sneeze At”, siehe auch https://inducks.org/story.php?c=W+WDC+124-02. Mehr auf Anfrage.
 
Link zu diesem Eintrag: http://j.mp/2JouHKb =

    http://blogabissl.blogspot.com/2008/03/reichtum.html

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Noch 1949 war Dagobert nur mit Münzen und Scheinen umgeben, noch nicht mit Gold. 

Moola = Moos, Kohle, Geld,  in “Letter to Santa” (November 1949), we again see huge piles of money, this time right in his office.
   Ein “steam shovel” ist ein Dampfbagger.
   Quelle: https://gyroshelper.tumblr.com/post/121071143960/the-money-bin-origins-examined .  

Übrigens –Als Das Geldvirus ausbrach, da flogen die Flugzeuge noch mit Langantenne herum, zwischen Heckflosse und (Antennenstab) vorne:


29. Dezember 2020. Ich habe das mir dem »Geiz« nie geglaubt als Triebfeder des Kapitalismus. Das mögen Leute mit Neid im Herzen so meinen. Meine persönlichen Erfahrungen, gerade mit den reichsten Kaliforniern, mit reichen Juden, sind ganz gegenteilig. (Und Neid ist auch selten, jedenfalls persönlich.) Dazu dieses Zitat aus einem Interview mit François-Henry Bennahmias, dem CEO von Audemars Piguet (AP) in Le Brassus im Waadtland, nahe der französischen Grenze.

Seit Sie den CEO-Posten vor acht Jahren übernommen haben, verdoppelte sich der Umsatz von Audemars Piguet, der Gewinn dürfte sogar noch stärker gestiegen sein. Was bedeutet für Sie Erfolg, ganz persönlich?

(Zögert lange.) Erfolg misst sich für mich nicht an Umsatz oder Profitabilität. Erfolg ist, wenn die Menschen, die hier arbeiten, mich als eine Art grossen Bruder sehen. Ich möchte in den Gesichtern meiner Mitarbeiter Vertrauen sehe, den Willen, für unsere gemeinsamen Ziele einzustehen. Wenn ich weiss, dass wir alle dasselbe Lied singen, dann ist das Leadership. Und wenn man das erreicht, dann kommt das andere – der finanzielle Erfolg – irgendwann auch. Aber wenn man irgendwelchen finanziellen Zielen nachrennt, ohne zuerst die Leute ins Boot zu holen, dann wird dies nie passieren. Ich will der beste Bootskapitän sein, den diese Firma je hatte. 

Das ganze Interview mit Bildern auf https://www.nzz.ch/wirtschaft/audemars-piguet-erst-dank-jay-z-wurde-die-ft-auf-uns-aufmerksam-ld.1591389 

 

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Also zum Lidl-Chef braucht man wohl herzlich wenig noch zu sagen... Der sollte ganz andere Anteile seines Vermögens abtreten für das, was in seinem Unternehmen so vor sich geht, egal inwieweit er in die Angelegenheiten verstrickt war. Wenn man an der Spitze sitzt ist man eben zwangsläufig für alles was weiter unten passiert mitverantwortlich. Da geht es dann auch nciht um soziale Gerechtigkeit sondern einfach Gerechtigkeit allgemein.