23. August 2015

Gelegenheit und Reue

– oder eine Reise vom Canale Grande bis zu den alten Griechen, in Gedanken.
   Beginn am Mittwoch, 29. Juli 2015, auf einem Vaporetto von der Riva dei Schiavoni zur Accademia (sprich Accade'mia), im Zickzack über den Canale Grande, bei strahlendem 2015er-Sommerwetter.
Die Punta delle Dogana (»Zollspitze«) und Santa Maria della Salute von der Vaporettostation San Zaccharia Jolanda
Aus https://picasaweb.google.com/Fritz.Joern/Venedig2015#6177985691610589218
Ganz klein sieht man links auf dem vordersten Türmchen des Gebäudes (1675 von Giuseppe Benoni renoviert) eine Figur. Kommt man dann näher vorbei, schaut sie aus wie eine Läuferin mit ’nem Skateboard in der Rechten.
Die Punta della Dogana
(heute ein modernes Museum
mit François-Pinault-Dauerausstellung)
als Triangulationspunkt. 
Zwei Sklaven (Atlasse) halten die vergoldete Bronzekugel.
Occasio darf darüber laufen
und sich nach dem Winde drehen.
©Jörn, mit Panasonic Lumix DMC-TZ61
Bernardo Falcones Occasio (s. Wikipedia hier)


Bei dieser Gelegenheit (»Okkasion«), oder später beim Bearbeiten der Bilder, habe ich mich gefragt: Wer war die sportliche Dame? Was tut sie da im Winde eilend? Ist das bloß ein alter Windsack?
   Die starke Geschichte soll natürlich den Ruhm Venedig zeigen, auf der Punta della Dogana oder Punta della Salute (wegen der Kirche dort) oder Punta da Màr (Meer). Die Kugel ist aus Bronze, aber vergoldet wie das goldene Dachl in Innsbruck. Das Ensemble stammt von Bernardo Falconi.
   Also: Wikipedia aufgeschlagen, und schon rennt da das Mädl, mit Schopf zum Fassen, nackert, doch leider bloß barfuß. »Die Gelegenheit am Schopf fassen«, das mag hier wohl nur ein Blitz. Dabei hat sie, die Eilende, so viel zu erzählen. Hören wir uns zu Beginn unserer Philologenreise einmal an, was sie lateinisch zu sagen hat.
   Von dem spätantiken Dichter Decim(i)us Magnus Ausonius, aus Burdigala stammend (310 bis 393 oder 394), gibt es ein Epigramm aus acht Distichen (Hexameter mit Pentameter), das neben dem Frager diese Occasio selbst zu Wort kommen lässt, dann auch ihre stete Begleiterin, die Reue. Hier das Interview:

   In simulacrum Occasionis et Poenitentiae

«Cuius opus?» «Phidiae, qui signum Pallados [sic!], eius,
   quique Iovem fecit, tertia palma ego sum.
Sum dea quae rara et paucis Occasio nota».
   «Quid rotulae insistis?» «Stare loco nequeo.»
(Vers 5) «Quid talaria habes?» «Volucris sum; Mercurius quae
   fortunare solet, trado ego, cum volui.»
«Crine tegis faciem.» «Cognosci nolo.» «Sed heus tu
   occipiti calvo es.» «Ne tenear fugiens.»
«Quae tibi iuncta comes?» «Dicat tibi.» «Dic, rogo, quae sis.»
(10)  «Sum dea cui nomen nec Cicero ipse dedit;
sum dea quae facti non factique exigo poenas,
   nempe ut paeniteat: sic Metanoea vocor.»
«Tu modo dic, quid agat tecum.» «Quandoque volavi
   haec manet; hanc retinent quos ego praeterii.
(15) Tu quoque dum rogitas, dum percontando moraris,
   elapsam disces me tibi de manibus.»
   Nahe sind sich Gelegenheit und Reue

»Wessen Werk [bist du]?« – »Des Phidias, der die Statue der Pallas
   und den Jupiter geschaffen hat; ich bin sein drittes Meisterstück.
Ich bin eine Göttin, die selten [ist] und nur wenigen bekannt, die Gelegenheit.
   »Warum stehst du auf dem Rad?« – »Ich kann an einem Ort nicht stehen [bleiben].«
(Vers 5) »Warum hast du Flügelschuhe [an]?« – »Ich fliege immer; was Merkur
   austeilen mag als Glück, das übergebe ich, wann ich will.«
»Mit dem Haar verdeckst du das Gesicht.« – »Ich mag nicht erkannt werden.« – »Aber, ach, du
   bist ja kahl am Hinterkopf!« – »Damit ich, fliehend, nicht festgehalten werde.« –
»Welche Begleiterin ist [da] mit dir verbunden?« – »Soll sie’s dir sagen!« – »Sag’ also du mir, bitte, wer du bist!«
(10)   «Ich bin eine Göttin, der nicht einmal Cicero selbst einen Namen gegeben hat.
Ich bin die Göttin, die straft fürs Getane wie fürs Ungetane,
   auf dass es einem leid tut: Reue werd’ ich genannt.«
»Sage du, [Gelegenheit,] mir eben, was sie [, die Reue,] bei dir macht!« – »Immer wenn ich entflogen bin,
   bleibt diese da; die, an denen ich vorübergegangen bin, behalten sie [, die Reue,] zurück.
(15) Auch du wirst, während du immer wieder fragst und dich mit Erkundigen aufhältst,
   merken, dass ich dir aus den Händen geglitten bin.«

Das lateinische Original ist ein wenig mit Satzzeichen versetzt, »politisch« allerdings nicht korrigiert, sonst müsste es beziehungsweise sie gendergerecht »Occasia« heißen. Die deutsche Übersetzung verdanke ich einer Vorlage von Tochter Carlas engagiertem Klassenlehrer. Danke!
Das geflügelte Rad der Deutschen Reichsbahn,
Skulptur am DB-Gebäude in Dresden, Ammonstr. 8
Wikipedia

Sonst kann ich nur eine alte englische Übersetzung, ursprünglich aus dem Jahr 1907, von Hugh Gerard Evelyn-White, anbieten, von hier, ab Seite 174:
    For a Figure of Opportunity and Regret
»Whose work art thou?« »Pheidias’s: his who made Pallas’ statue, who made Jove’s: his third masterpiece am I. I am a goddess seldom found and known to few. Opportunity [is] my name.» «Why stand’st thou on a wheel?» «I cannot stand still.» «Why wearest thou winged sandals?» «I am ever flying. The gifts which Mercury scatters at random I bestow when I will.» «Thou coverest thy face with thy hair.» «I would not [like to] be recognised.» «But—what!—art thou bald at the back of thy head?» «That none may catch me as I flee.» «Who is she who bears thee company?» «Let her tell thee.» «Tell me, I beg, who thou art.» «I am a goddess to whom not even Cicero himself gave a name. I am a goddess who exacts penalties for what is done and what undone, to cause repentance. So I am called Metanoea1.» «Do thou2 now tell me what does she along with thee?» «When I have flown away she remains: she is retained by those I have passed by. Thou also whilst thou keepest asking, whilst thou tarriest with questioning wilt say that I have slipped away out of thy hands.»
——————
1 = μετάνοια, primarily change of disposition and purpose, then the emotion accompanying such change, and finally «regret», «remorse» generally.
Occasio und Poenitentia
Schule des Andrea Mantegna, um 1500,
einfarbiges Fresko (168×146 cm), ein Relief imitierend,
aus dem Palazzo Caviani im
Stadtmuseum Palazzo San Sebastiano, Mantua
2 The poet here turns again to Opportunity.
Wikisource weiß noch mehr zu diesem Epigramm, unter dem Stichwort Metanoia: »… in dem Epigramm 33 des Ausonius (323 P.), mit der überschrift in simulacrum Occasionis et Paenitentiae, wo sie sich v. [in Vers] 12 als Metanoea vorstellt. Dieses ist im Hauptteile eine Übersetzung von Poseidippos’ Gedicht auf Kairos [*] Anth. Pal. XVI 275 (s. o. Bd. X S. 1511); aber die Zusammenstellung der beiden Wesen (und vielleicht auch das Epigramm) ist älter als Ausonius. Das ergibt sich aus dem Relief von [der Insel] Torcello (Arch. Ztg. XXXIII Taf. 1 und S. 6. Myth. Lex. II 899. Baumeister II 772, s. o. Bd. X S. 1512), auf dem die Reue neben Kairos erscheint [+]. S. auch Förster Rh. Mus. XXXVIII 434. Neben M. erscheint auch Metameleia, im Schol. Pind. Pyth. 5, 35 als Tochter des Epimetheus, und bei Kebes 35, 4. Bei Philod. π. εὐσεβ. 35 Gomp. ist τὴν Μεταμέλειαν ἐν Ἄργει lesbar, was auf einen Kult zu weisen scheint; s. Usener Götternamen 366.« [Hervorhebungen und simple Anmerkungen von mir. fj]

Von Nicolò Machiavelli (1469 bis 1527) fand ich eine schöne, wohlklingende Übertragung ins Italienische, auf Seite 600 vom »Leben und Regierung des Papstes Leo des Zehnten«, Band 3, von Wilhelm Roscoe, Wien 1818, daneben die eltenglische Übertragung dort.

Chi sei tu, che non par donna mortale,
   Di tanta grazia il ciel t’ adorna, et dota?
Perchè non posi? perchè a’piedi hai l’ale?
   Io son l’Occasione, a pochi nota.
   E la cagion che sempre mi travagli
   È, perch’ io tengo un piè sopra una rota,
Volar non è che al mio correr s’ agguagli,
   E però l’ ale a’ piedi mi mantengo.
   Acciò nel corso mio ciascuno abbagli.
Gli sparsi miei capei dinanzi io tengo;
   Con essi mi ricuopro il petto e’l volto
   Perch’ un non mi conosca quando vengo.
Dietro del capo ogni capel m’ è tolto,
   Oude in van s’affatica un, se gli avviene,
   Ch’ io l’abbia trapassato, o s’io mi volto.
Dimmi chi è colei che teco viene?
   È Penitenza; e però nota e intendi
   Chi non sa prender me costei ritiene.
E tu, mentre parlando il tempo spendi,
   Occupato da molti pensier vani,
   Già non t’ avvedi, lasso, e non compredi
Com’ io ti son fuggita dalle mani!
Hah! who art thou, of more than mortal birth,
   Whom heaven adorns with beauty’s brightest beam?
On wings of speed why spuru’st thou thus on earth?
   Known but to few, Occasion is my name.
No rest I  find; for underneath  my feet
   Th’ eternal circle rolls that speeds my way.
Not the swift eagle wind his course so fleet:
   And these my glittering pennons I display
That from the dazzling sight thine eyes may turn away.
In full luxuriance o’er my angel face
   Float my loose tresses free and unconfined,
That thro’ the veil my features few can trace;
   But not one hair adorns my head behind.
Once past, for ever gone; no mortal might
   Shall bid the ceaseless wheel return again.
But who is she, companion of thy flight?
   Repemtance. If thou grasp me in vain
Then must thou in thy arms her loathsome form retain,
And now, whilst heedless of the truths I sing,
   Vain thoughts and fond desires thy time employ;
Ah, see’st thou not, on soft and silent wing,
   The form that smil’d so fair has glided by! 

Hier fehlen Nebenfiguten wie Phidias und Merkur, schön. Vor allem aber, dass einem die Reue nicht nur bei Unentschlossenheit bleibt (»Chi non sa prender me costei [die Reue] ritiene«, »if thou grasp at me in vain«, also vergebens, sondern (oft) auch dann verfolgt, wenn man sie tatsächlich ergriffen hat (»facti non factique«).

Jetzt aber weiter zurück in der Zeit, zu den Griechen, zu Kairos.

Kairos-Relief aus dem 11. Jh. auf Torcello
Kairos–Relief auf der Insel Torcello in der Lagune von Venedig, Kathedrale Santa Maria Assunta, innen. Kairos mit Flügelschuhen, Waage und scharfem Messer, ganz rechts die Reue.
   Hier eine sehr schöne, ausführliche Darstellung, die den gleich folgenden Dialog ebenfalls bringt. Nach weiteren suche ich noch.
   Man sieht: Flügelschuhe – weiter unten zu sehen – waren schon bei den Griechen hoch modisch. Perseus, Zeus’ Sohn, trug sie (besonders, wenn er sonst nichts anhatte), ebenso Götterbote Hermes, später als Merkur bekannt, der die seinen öfter einmal an Perseus verlieh. Vielleicht hatte Perseus die geflügelten Sportschuhe aber auch von geruchsempfindlichen Nymphen bekommen.
   Selbst heute gibt es luftige Flügelschuhe für Herren, etwa von Adidas als »Men ObyO J(eremy) S(mith) Wings 2.0 Cutout«.

*) Zu Kairos kennt die Wikipedia diesen viel älteren, ganz ähnlichen Dialog. Es heißt dort:
    Poseidippos von Pella (3. Jahrhundert v. Chr.) hat in seinen Epigrammen aus Olympia auch einen Dialog des Betrachters mit Kairos verfasst:

     „Wer bist du?
      Ich bin Kairos, der alles bezwingt!
      Warum läufst du auf Zehenspitzen?
      Ich, der Kairos, laufe unablässig.
      Warum hast du Flügel am Fuß?
     
Ich fliege wie der Wind.
      Warum trägst du in deiner Hand ein spitzes Messer?
      Um die Menschen daran zu erinnern, dass ich spitzer bin als ein Messer.
      Warum fällt dir eine Haarlocke in die Stirn?
      Damit mich ergreifen kann, wer mir begegnet.
      Warum bist du am Hinterkopf kahl?
      Wenn ich mit fliegendem Fuß erst einmal vorbeigeglitten bin,
      wird mich auch keiner von hinten erwischen
      so sehr er sich auch bemüht.
      Und wozu schuf Euch der Künstler?
      Euch Wanderern zur Belehrung.“ – Gründel 1996. Sp. 1131



Wer’s vertiefen mag, lese in »Ars et Verba: die Kunstbeschreibungen des Kallistratos« von Babina Bäbler u. a., 2006, ISBN 13: 978-3-598-73056-6, Kapitel 6 »Auf das Standbild des Kairos in Sikyon«, ab Seite 70.
   Oder noch mehr in »Text und Skulptur, berühmte Bildhauer und Bronzegießer in der Antike in Wort und Bild« von Sacha Kansteiner u. a, 2007, ISBN 978-3-11-019610-8, Seite 101. (Ich bringe das Gedicht einfach als Bild, denn Griechisch kann ich nicht.)

Adidas Obyo Wings
Wie anschaulich hat Poseidipp die stets flüchtige Gelegenheit doch ausgestattet! Wie einfühlsam, geradezu psychologisch hat dann Ausonius ihr, der inzwischen Weiblichen, die Reue zugesellt!
   Wer von uns bereute nicht, im Leben eine Gelegenheit versäumt oder – handkehrum – eine trügerische, falsche vielleicht zur Unzeit ausgenützt zu haben … 
   Damit sind wir am Ende unserer Reise von einem trigonometrischen Punkt, einer Punta in Venedig, zurück zu den Vorstellungen der alten Griechen vor über zweitausend Jahren, denen Kairos (Καιρός) nur ein flüchtiger Augenblick war.
Kairos, Abguss. Museo di Antichità Turin (leicht retuschiert fj)
Link zu diesem Eintrag: http://blogabissl.blogspot.com/2015/08/gelegenheit-und-reue.html

Franceso Guardi, 1780er-Jahre, London, Nationalgalerie
PS. Noch eine challenge: Übersetzungsvorschläge für »in simulacrum«. Bitte als Kommentar eingeben! Das »Nahe sind sich … « hab’ ich mir ausgedacht.
:
Und da schreibt mir schon Prof. Bonk aus Regensburg:  »Simulacrum ist ein Kunstwort Lukrez’, das er gebrauchte, um seinen Römern die Wahrnehmungstheorie seines griechischen Meisters Epikur (der sprach von eidola) zu verklickern. Alle materiellen Dinge (und alles Reale ist materiell) senden simulacra (luftige Abbilder) von sich aus, in alle Richtungen. Gelangt ein solches ins Auge, so sehen wir das entsprechende Ding … «. Was für ein schöner, anregender Gedanke, jedem Schreiber zu empfehlen: Im Leser ein Bild entstehen zu lassen, das das Ding (hinreichend) erklärt.

Empfehlung:
http://www.nzz.ch/feuilleton/schoenheit-der-nacht-venedig-erwacht-zum-leben-ld.12260#kommentare 

Links: Metanoia and the Transformation of Opportunity

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