7. November 2010

Plädoyer für das Modewort

Jüngst schrieb mir ein Deutschstudent aus Teheran, er sei an seiner Magisterarbeit: »Modewort und Schlagwort«, und ob ich ihm bei den Modewörtern helfen könne. Sind alle Wörter meiner alten Wörterliste Modewörter?, fragt er. Gewiss nicht, es sind halt Wörter und Wendungen, die man besonders bewusst einsetzen sollte, oder nicht.

Dann habe ich selbst angefangen, "Liste und Modewörter" zu googeln, und fand haufenweise die üblichen rabiaten, ironischen, besserwisserischen Suaden dagegen. Bis ich heute früh im NZZ-Folio den Artikel »Der Löwe spielt Tuba« von Reto U. Schneider las. Generell sind die Artikel in diesen Monatsmagazinen der Neuen Zürcher Zeitung so gut geschrieben, dass ich hinaufblicke wie zu einem Olymp in Wolken. Und was finde ich in diesem tollen Artikel? Den Halbsatz: »… und zweitens müsse schlicht und einfach länger und härter trainiert werden.«

Fast hätte ich darüber weggelesen, blieb dann aber hängen an diesem »schlicht und einfach«; ohne Zweifel ein Modewort neuerer Zeit. Ich stelle mir da immer eine einfache (nicht doppelte) Schicht Holzscheite vor einer Almhütte vor und verschönere mir so diese langweilige Wendung. Beim Schreiben führe man sich die ursprüngliche Wortbedeutung vor Augen, finde ich, wenigstens versuchsweise. Das verhindert schon einmal verquere Kombinationen. (Beispiel: 120 Kilometer pro Stunde – wieso pro, was hat die Stunde davon? Also: in der Stunde.) Doch zurück zu Reto Schneiders schlicht und einfach. Es stört nicht, weil es nicht wiederholt vorkommt. Es stört nicht, weil es (außer mir) als Modewort gar nicht auffällt. Modewörter dienen häufig dazu, nichts zu sagen. (Lesen Sie nur die Schimpfereien gegen »Aktivitäten« oder »Bereich«.) – Aber was bringt es? Ist es nützlich hier? Dieses »schlicht und einfach« ist ein Stilelement, das »es müsse länger trainiert werden« mitten im Absatz wie mit einem gelben Marker hervorhebt. Die »erstens« und »zweitens« tun das auch. Sie helfen dem Leser, sie gliedern.

Fazit: Hier und da ein Modewort, eine gängige Phrase, sofern kunstvoll gesetzt, muss nicht schaden. »Gute Schriftsteller vermeiden Modewörter, wo sie nur können«, schreibt kein Geringerer als Kurt Tucholsky, 1930, in seiner pointierten Ablehnung von »hundertprozentig«. Ganz recht hat er damit nicht.

Hier eine kleine Modewörterliste.

————— Kommentar von Mehdi:

Nach einem Monat, nachdem ich mit meiner Magisterarbeit über Moderwort und Schlagwort angefangen hatte, habe ich bereut, wieso ich mir dieses Thema ausgewählt habe. Eigentlich ging es darum, dass ich kein Deutschsprachler bin und folglich nicht so ein hohes Sprachgefühl habe, wie ein Deutscher bzw. eine Deutsche, um zu urteilen, ob ein Wort wirklich ein Modewort ist, und wenn ja warum! Aber nachdem einige Deutsche, unter denen manche sogar Autoren sind, mir geholfen hatten, hat sich meine Meinung über meine Auswahl allmählig geändert, sodass ich nun sehr froh bin, dass ich mit diesem Thema beschäftigt bin. In Wirklichkeit empfinde ich, dass sich mein Deutschsprachgefühl wegen dieser Arbeit gesteigert hat, aber trotzdem habe ich noch einen langen Weg vor mir zu gehen, um zu behaupten, mein Deutsch gut zu sein. Herr Jörn ist eine der Personen, die mir geholfen hat, und deswegen hat er immer meinen besten Dank dafür. Seine Schrift »Plädoyer für das Modewort« antwortet vor allem auf eine meiner Fragen, die ich mir in den vergangenen Monaten gestellt hatte: Wieso muss man Modewörter überhaupt meiden? Die Antwort auf diese Frage war mir sehr wichtig, weil ich die Modewörter in meiner Muttersprache (in der persischen Sprache) sehr schön finde. Trotzdem ist es von Person zu Person unterschiedlich, ob Modewörter gut oder schlecht sind. Als einem Ausländer klingt mir das Modewort schlicht und »einfach sehr schön«, jedoch weiß ich nicht wie die anderen darüber urteilen.

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