11. Mai 2008

Paris im Mai 2008

Von Bonn nach Paris ist es nur ein Katzensprung. Wir fahren gerne hin, zuletzt waren im Herbst vor zwei Jahren da (http://picasaweb.google.com/Fritz.Joern/ParisOktober2006). Heuer hatten wir Frühling. Hier die Bilder: http://picasaweb.google.com/Fritz.Joern/ParisMai2008 (oder hier auf die Fotos klicken)

Donnerstag, 1. Mai 2008 – Bonn—Paris


An einem herrlichen ersten Mai, Donnerstag, zugleich Christi Himmelfahrt und also ›Vatertag‹, fuhren wir gegen halb neun nach frischem Tanken am Verteilerkreisel hurtig los, A 555 (was produzieren die eigentlich in dem Chemiewerk?), Kölner Ring, dann noch, wo’s geht, Gas geben Richtung Aachen, bevor die »ätzenden« Dauergeschwindigkeitsbeschränkungen (und schlechten Autobahnen) in Belgien und Frankreich beginnen. Kohlekraftwerke (Weisweiler) dampfen in die glasklare Luft. In Belgien verliert der Blackberry Datenkontakt. Wir beobachten den Pannendienst, wie er an einer Raststätte einen Polo vorsichtig-fachmännisch aufhebelt, mit Klebstreifen gegen Verkratzen und kleinen Luftkissen zum Aufpumpen, um die drin liegengelassenen Autoschlüssel zu bergen. Vor der französischen Grenze – nur wegen der vorgeschriebenen Langsamfahrt am Grenzübergang – langer Stau. Dann die zielgerade Mautstrecke – Autobahn pur, smoothly riding in luxury –, immer wieder von TGV-Zügen links überholt, nach Paris.

Dank europaweiter Navigation in Giselas Auto wurden wir schnurstracks in die Rue du Faubourg Poissonnière (wörtlich wohl Vorstadt der Fischhändlerin) N° 37 geleitet, stressfrei, sonnig und schön, Ankunft halb zwei. »Paulina«, unsere Guardienne, war da, Handyanruf genügte. Sie zeigte uns, wie man das Sofa (als drittes und ev. viertes Bett) ausklappt zur Nacht. Ein Obstkorb, im Kühlschrank das Nötigste wie Wasser und Milch, Butter, und sogar selbstgemachte Pflaumenmarmelade hatte Paulina spendiert. Die Wohnung – ein Wohnzimmer mit Küchenecke, in das man direkt vom Innenhof kommt, Schlafzimmer, Bad – ist wunderbar, frisch und gut ausgebaut, scheint’s aus einer ehemaligen Remise. Alte Steinmauern sind offen belassen, gebürstet und geätzt (Manuel et Paulina Goncalves Sousa, 37 rue du Faubourg Poissonnière, 75009 Paris, +33-148240057, mobil +33-630007368, E-Mail Tamaqueiro@Hotmail.com, spanisch oder französisch, ca. 110 Euro je Nacht). Ich hab’ dann das Auto geparkt, im nahen Parkhaus, für dreißig Euro am Tag, wenn man nicht Hotelrabatt bekommt (Park Alizés: Parking Rex Atrium, +33-142466725).

Wie wir’s Carla versprochen hatten, sind wir dann gleich zu »ihrem« Karussell am Fuß des Montmartre ›zurückgekehrt‹, mit der U-Bahn, rosa Linie, ab Poissonnière über Stalingrad und der Hochbahn der blauen Linie nach Anvers. Das klingt weit, ist es aber nicht. Man sollte sich vor U-Bahnfahrten Endstationen, Um- und Aussteigebahnhöfe notieren, sonst läuft man leicht unterirdisch in die Irre – was uns dann am nächsten Tag prompt passiert ist.

Am Montmartre die Fülle! Fast schon indische Verhältnisse. Das Karussell aber ist und bleibt gemütlich, altmodisch, familiär. Carla bekam drei Fahrten, wir Entspannung auf einer Bank dahinter. Auf halber Montmarte-Höhe hat Carla dann vor lauter Freude gleich einen Kopfstand gemacht, erschwert durch die Geländeneigung, und nicht gut genug zum Spendensammeln. Gisela ersparte sich den ganzen Aufstieg zu Sacré Cœr – die Seilbahn hinauf war hoffnungslos bedrängt, und besonders schön oder alt ist sie ja auch nicht. Gisela leidet unter Knieschmerzen, nicht gut für viel Sightseeing. Carla und ich zwängten uns die Stufen der ›Freitreppe‹ hinauf, drehten in der Kirche die obligatorische Runde (im Gegensatz zu Supermärkten rechtsherum), zündeten eine Kerze an. Rummel, dass man Angst hat um sein Portemonnaie.

Den Rückweg ›nach Hause‹ haben wir dann gemütlich zu Fuß gemacht. Kaum waren wir ein paar Meter von den Touristenattraktionen entfernt, zeigte sich die Stadt sonntäglich leer, selbst Mietfahrräder waren noch zu haben. Die sind übrigens eine super Sache für Touristen! Fürs nächste Mal, wenn Carla größer ist, haben wir uns Radeln in Paris vorgenommen (hier ein Artikel dazu, s. a. NZZ 28.6.8 «Die Schattenseiten der Pariser Velorevolution»*). Doch zurück zu unserer Wanderung: Sie lässt sich hier in Google-Earth Meter- und Minuten-genau nachverfolgen, dank GPS-Blackberry und GPSed.com. Eine phantastische Erfindung, wenn es klappt. Vor allem das Taggen (Markieren) von Fotos mit den geographischen Aufnahmekoordinaten lässt sich machen, heutzutage erst halbautomatisch, bald ganz unbemerkt (s. i-GotU GT-100). Dann wird man hoffentlich auch Bilder schneller wiederfinden können, wie mit Panoramio-Bildern in Google-Earth – wo übrigens schon so ungefähr alles abgelichtet ist, was man je als Fremder fotografiert. Wir hätten den Apparat zu Hause lassen können. Nun denn, Fotos von Carla am Karussell oder Spielplatz auf der Square de Montholon hätte es nicht gegeben. Ich habe dann noch, siehe Track, einen kleinen Schlenker durch die Rue Ambroise Thomas gemacht, einen Court würde man diese innenliegenden Straßen in London nennen (schönes Panoramio-Foto in Google-Earth). Ein orthodoxer Jude rief gerade von der Straße aus mit dem Handy seinen Freund an, er solle sich doch am Balkon zeigen.

Nach kurzer Entspannung in der Wohnung sind wir dann die paar Schritte südwärts Richtung Zentrum auf den Boulevard Poissonnière gewandert, der dort vielleicht schon Boulevard de Bonne Nouvelle heißt, Abendessen gegenüber dem Rex-Kino (www.legrandrex.com) im Gymnase. So nennt sich auch das kleine « Théâtre du Gymnase dramatique » ein paar Häuser weiter östlich (Bernard Farcy spielte gerade Oscar, wir ließen ihn.) Gisela und Carla begnügen sich mit Entrecôtes, ich aß zwei Hühnerspieße mit Reis und Currysauce, dann gab’s zum Kaffee für Maman Mousse au Chocolat und für Papa einen Colonel – bekannt? – zusammen siebenundsiebzig Euro. Alles eher mittelgut.

Doch beseelt wandern wir heim. Der Tante-Emma-Laden nebenan – oder sollte man Minimikrobazar sagen? – hatte immer noch offen, unglaublich.

Freitag, 2. Mai 2008 – Louvre

Erst einmal holte ich frische Baguettes und Brötchen. Dann gab’s ein feines Frühstück. Danach brachte uns Bus Linie 48 von Haltestelle Petites Ecuries (kleine Marställe) gleich vor der Haustür in die Stadt direkt zum Palais Royale vor dem Louvre. Ein kleiner schöner Brunnen (wie heißt der?) begrüßte uns in der Morgensonne auf der Place André Malraux.

Im Louvre stauten sich die Menschenmassen; lange Schlangen vor allen Eingängen. Wir wählten den oberirdischen Nordeingang, der weniger überlaufen ist. Aggy Lerolle (Aggy.Lerolle@Louvre.Fr) von der Presseabteilung hatte uns ganz besonders freundlich zwei Portionen laissez-passers geschickt, schlichte schwarzweiße Kärtchen. Prompt meinte der befragte Wärter und ›Schlangenbeschwörer‹ scherzhaft, die seien eh gefälscht, erkannte dann aber an meiner ehrlichen Entrüstung deren Echtheit. Fairness gegen Frau (?) Lerolle verbietet mir, hier eine Kopieranleitung zu bringen. Jedenfalls kamen wir hervorragend schnell und kostenlos in alle Ausstellungen. Die Eingangskontrollen der Rucksäcke sind absolut kursorisch – ich hoffe, der Ausdruck ist potenziellen Attentätern, die das lesen, fremd.

Im Louvre gedämpfte, aufgeräumt-erwartungsvolle Jahrmarktstimmung, Erlebnis pur. Überall Wegweiser direkt zur Mona Lisa, la gioconda, deren Lächeln man sich besser in der Wikipedia ansieht als aus des Raumes Ferne am umlagerten Original. Fotografieren ist in den Pariser Museen erlaubt, was ich gut finde, weil es ohnehin nicht zu verhindern ist, und den Leuten persönliche Andenken beschert. Man lichtet sich wechselseitig ab mit berühmten Skulpturen, in den modern überdachten Innenhöfen, dekorativ vor Bildern. Das Museum hatte zur weiteren Erlebnisverstärkung zwischendurch moderne Kunst in alte Säle gepackt; so haben sogar die Kinder was zu sehen, selbst wenn sie die alten Meister langweilen oder sie sie mangels Körpergröße oder Digitalfotoapparat (über Kopf halten!) nicht zu sehen bekommen. Ich musste wieder an meine Glosse »Multimonalisa« aus dem Jahr 2000 denken. Damals war es noch leer dort gegen heute, und die Digitalkameras noch neu.

Wir suchten dann Holländer und alte deutsche Meister, fanden Vermeer im Richelieu-Flügel, die Deutschen aber eher nicht. Fehlende Detailplanung. Gisela ließ sich von drängelnden Japanerinnen anrempeln, schmuste mit Carla und erklärte ihr alles – Jan Lievens’ ›jungen Zeichner‹ hatte Carla (6) für Onno T. gehalten –, ich war vom weniger umlagerten Ausblick über die Tuileriengärten abgelenkt: frisches Frühlingsgrün, glänzendes Gold auf der Quadriga des Triumphbogens, in der Ferne der Eiffelturm, und über allem ein strahlend blauer Kumuluswolken-Himmel. Einfach schön. Innen, die eigentlichen Louvre-Bilder, die musste man sich vor vielen Jahren angesehen haben, als es noch nicht so voll war. Da ist’s schön, wenn man schon älter ist. Ob unsere Kinder je ein so inniges Verhältnis zu alten Meistern bekommen werden? Wir hatten weniger Ablenkung, keine Player, kein Internet, keine Mail oder SMS. In Berlin hatte ich als Student (der Technik!) von jedem Bild in Dahlem sagen können, wo es hing; und zum Telefonieren kannte ich ein paar unveröffentlichte Telefonnummern von Telefonzellen, wo man auf Verabredung zeitgenau an den Apparat gehen musste, um sich zu sprechen. Ich denke, es lässt sich auch ohne Unterscheidung von Canaletto und Guardi leben. Was bleibt sei die Intensität des Lebens, des Erlebens. Ich habe ja auch die Kunst ganz aus den Augen verloren, assoziiere im neuesten Folio bei Jeff Koonshängendem Herzen (zuletzt 23,6 Millionen Dollar wert) absolut nichts …

Mittags sind wir dann wieder heraus aus dem Louvre, setzten uns mit hunderten anderen Touristen an den Rand der Brunnen um die Pyramide – man musste direkt auf einen freien Platz warten –, aßen unsere Brote, genossen Treiben und Aussicht.

Dann wollten wir zu Nôtre Dame, statt zu Fuß mit der U-Bahn. Beim Umsteigen in Châtelet führte ich leider die ohnehin fußlahme Familie in die Irre, lange Gänge, stehende Fließbänder, und wieder zurück zur türkisen Linie, alles nur wegen einer einzigen Station (Cité), es hat sich wirklich nicht gelohnt. Zumal in Nôtre Dame kein Hineinkommen war, so hoffnungslos lange war die Schlange, der Vorplatz so voll. Also haben wir uns die Fassade angesehen und landeten dann – inneren Drängen folgend – in einem Nepp-Kaffeehaus am Eck, wo sich die schon wieder hungrige Carla noch dazu ein Hotdog bestellte, katastrophal und sündteuer, acht Euro für den lauwarmen ›Hund‹, sechs für einen schlechten Kaffee. Man sollte wirklich wie ein Bergsteiger nur mit Mitgebrachtem auskommen, Rucksacktourismus. Bleibt dann das Problem, wo man’s wieder los wird.

In der Nachmittagshitze wanderten wir zurück Richtung Stadt, zunächst zum alten Rathaus, kauften schöne, alte Schwarzweiß-Ansichtskarten. Am Rathausplatz, auch dort, steht, als sei’s ein überdimensionaler Stern für eine Pariser Sehenswürdigkeit, ein altes Karussell. Carla durfte nun schon traditionsgemäß dreimal fahren. (Erstaunlicherweise zeigt das Satellitenbild in Google-Earth dort zwar jeden Fußgänger, aber nicht das Karussell – 48° 51' 25, 91" 2° 21' 5" – und ein paar hundert Panoramio-Bilder.) Gisela und Carla bleiben lang im Postamt, nur um Marken zu kaufen, erlebten ein bisschen französischen Behördenbetrieb. Im Kaufhaus Bazar de l’ Hôtel de Ville (BHV) tätigten wir dann unseren sonst üblichen Samaritaine-Einkauf: Parfum (Papa déclaration von Cartier, Mama First van Cleef & Arpels, Carla Spielzeug (Polly Pockets), und für alle eine kleine Ersatzbirne für unseren Eingang in Bonn (Ø 35 mm). Ja, für mich noch einen neuen Reiserasierpinsel – alles unglaublich teuer aber fein. (Mein letzter stammt noch aus Genf oder Frankfurt, der Pinseleinsatz aus Baden-Baden.)

Am Weg zum aufgefrischten Centre Pompidou ein wunderschöner Laden für Perlen zum Auffädeln oder Annähen, den Gisela und Carla ausgiebig genießen und kleine Andenken für Carlas Freundinnen kauften. Wie halten sich solche Geschäfte, und sind dazu noch überlaufen?

Das Centre Pompidou war sehr erfreulich. Wir hätten uns dafür mehr Zeit nehmen sollen. Die Ausstellung moderner Kunst (zehn Euro Eintritt) ist vielfältig und übersichtlich, nicht überladen, luftig, für jeden etwas. Dass man sich zur Kunst dazufotografieren kann, kommt als Bonus noch dazu. Von oben hat man einen schönen Blick auf Sacré Cœr oder Eiffeltum.

Danach wollten wir endlich wieder heim, nahmen die U-Bahn bis Bonne Nouvelle – man ist in Paris angeblich nie weiter als fünfhundert Meter von einer U-Bahn-Station entfernt. Mit den Fahrkarten – wir hatten zehn Stück en gros gekauft – gab’s ein Durcheinander: Die einen gelten nur für Busse, die anderen scheint’s für die Bahn; und ob sie schon gebraucht sind, sieht man auch nicht auf den ersten Blick. Früher hat man halt Karten gelocht.

Der Boulevard Bonne Nouvelle wurde unsere »Fressgass’«, und diesmal sogar das Essen gut und einigermaßen preiswert (vierzig Euro), dank der Kette Indiana mit ihrem tex-mex food: Gisela nachos, ich burritos und Carla chicken McNuggets mit Fritten als Kindermenü samt Eis für neun Euro. Bissl choosy, das child, aber OK.

Beim unermüdlichen Lebensmittelhändler neben unserem Eingang haben wir dann noch – um zehn nach zehn an einem Samstag – eingekauft, Eier, Käse, Kekse, Wasser und Milch.

Samstag, 3. Mai – Rundfahrt mit dem Aussichtsbus

Gisela macht sich schön – die Dusche ist exzellent –, ich drehe eine Morgenrunde durch das Viertel, sehe mir Eingänge und Hinterhöfe an, kaufe die doppelte Portion Baguettes, schon für den Sonntag. Dann bereitet Gisela ein üppiges Frühstück. Erst beim Aktivieren der Mikrowelle für Carlas Kakao war’s zu viel, und die Sicherung fliegt heraus. Man kennt das ja von verbilligten Haushaltstarifen. Alarm. Gisela ist beeindruckt, dass ich weiß, was ›Sicherung‹ auf Französisch heißt. (Dabei hab’ ich zwei Jahre in Genf gelebt, in einem früheren Leben.) Zuerst war Paulina nicht zu erreichen, und als dann doch schlaftrunken ihre Tochter auftauchte, hatten wir den Sicherungskasten an der Außenwand schon selbst gefunden. So gab es doch wieder ein gutes, selbstgemachtes, ausgedehntes Frühstück (obwohl man besser früh dran ist …), diesmal sogar mit weichen Eiern in Gaslötkolbennachfüllflaschendeckel und sonstigen Schnapsgläsern, weil wir keine Eierbecher gefunden hatten.

Dann mit dem Bus wie gewohnt in die Stadt. Die offenen Rundfahrbusse halten in der Avenue de l’ Opéra und am Louvre. Für 29 Euro (Kinder von vier bis elf Jahren 15, Zwei- und Dreitagesbilletts nur wenig teurer) bekommt man billige Kopfhörer-Ohrstöpsel und eine Fahrkarte, die man eigentlich gar nicht braucht bei dem Gedränge, dem allgemeinen Ein- und Ausgesteige, Routenwechel und überhauptigem Tohuwabohu. Die rote Linie (Les Cars Rouge) ist weniger empfehlenswert, die hat nur eine Streckenführung. Die L’ Open Tour dagegen bietet vier Rundrouten mit Umsteigestellen, insgesamt fünfzig Haltestellen für beliebige Fahrtunterbrechungen, und ebenfalls Kommentare in viel mehr Sprachen, als man kann. Überfüllung am offenen Oberdeck ist kein Problem, im Zweifelsfall sieht man stehend ohnehin besser – unerlaubt doch toleriert.

So kamen wir zum ersten Mal in die südlichen und östlichen Stadtviertel, Montparnasse, Saint Germain, Bastille, Bercy und die Neubauten am alten Hafen. Zumindest ins Montparnasse-Viertel müssen wir wieder hin! Diesmal leisten wir uns eine lange Mittagspause an und mit der Abtei Saint-Germain-des-Prés (wo Carla, im Lesen noch ein wenig schwach, den lieben Gott im Lichterkranz‎ יהוה‎ als ›Lego‹ las). Ein nettes Café Modell Milchbar, daneben ein kleiner Park und Kinderspielplatz mit dem Sèvre-Porzellantor für die Weltausstellung 1900 in Jugendstil.

Wieder oben im offenen Bus war es uns so heiß, dass ich unbedingt mein Haupt bedecken musste, und nur eine Stofftragetasche vom Grünen Punkt dabei hatte. Spass.

Nach der Bastille-Runde wollten wir eigentlich noch die gelbe Linie fahren, Richtung Sacré Cœr. Dazu stiegen wir an der Place de la Concorde aus, wanderten vorbei an noblen Geschäften und edlen Hotels zur Madeleine, und wollten dort ›gelb‹ wieder einsteigen. Weil wir inzwischen aber wieder ›mussten‹, waren wir etwas zu lang (und zu teuer, zwanzig Euro) in einem Kaffeehaus mit Blick auf die Madeleine gesessen. Die Folge: Der gelbe Bus kam und kam dann nicht, trotz Beteuerung anderer deutscher Touristen. So rief ich schließlich mobil die Nummer der Busse an: Es fuhr keiner mehr, immerhin abends um 19 Uhr 27.

Also machten wir uns enttäuscht auf, heimwärts hatschend, gingen aber noch zur Oper, ein imposanter Anblick in den Strahlen der Abendsonne. Dann – statt vernünftig mit einem Bus zu fahren – trotteten wir weiter die Grand Boulevards hinaus: Capucines, Haussmann, Poissonnière, bis zu unserer erlösenden Bonne Nouvelle. Gisela protestierte, ihr Knie tat ihr so weh. Zum Essen landeten wir im Brebant, gut und teuer (– € 100,50, 32 Blvd. Poissonnière, auch Hotel, Tel. +33 1 47700102). Gisela einen Cæsar’s Salad, Carla wieder ein riesen Entrecôte (22), Fritz Hühnerbrust mit Risotto, den ich so liebe; Eis für Carla und Mama, das von Gisela sogar ganz edel mit Pinienkernen und Pistazien. Danach ging’s uns wieder besser. Heim. Nacht.

Sonntag, 4. Mai 2008 – Rückreise über Reims

Sonntag früh hieß es packen. Ich bin dann noch mit Carla das Auto aus der Tiefgarage holen gegangen. Dabei habe ich den jungen Wärter in seinem Katakombenkabuff um den Glauben gebracht, als ich wegen vielleicht vierzig Euro Ermäßigung offenbar nicht mehr extra ins Hotel hochgehen wollte, mir die Rechnung holen. Lügen haben halt kurze Beine. Ich hatte seine Frage, ob ich Hotelgast sei, bejaht, gelogen also, und konnte dann freilich keine Rechnung vorzeigen. Ohne durfte er mich nicht billiger parken lassen. Ich hätte ihm doch am Ende meine Lüge gestehen sollen. Jetzt glaubt er gewiss, diese Deutschen hätten’s wie Heu. Tut mir leid.

Mit Carla hatte ich vorher noch in der nahen Kirche Ste. Cécile vorbeigeschaut, der Gottesdienst war gerade zu Ende, gegen elf. Viele Gläubige, zwei Priester wie bei den Protestanten zur Verabschiedung am Ausgang stehend.

Nun aber weg von Paris. Versailles hatte sich auf meine Mails aus Bonn nicht gemeldet gehabt, außerdem kannten wir’s, fürchteten die Fülle, und gegen die Richtung nach Bonn liegt es außerdem. Also war Fontainebleau in Frage gekommen – doch da war Tag der offenen Tür, also vermutlich überfüllt – oder eben Reims. “Worth a detour” hätte mein Michelin geschrieben. Dank Navigation ja kein Problem. Wir fuhren sonntäglich durch friedlich-hügelige Landschaften der Champagne, autobahnbequem, tempomatgeregelt, mussten alle paar Täler Maut zahlen. In Reims fährt man direkt auf die Kathedrale zu, ein unvergessbarer Eindruck, obwohl hier wie so oft bei Kirchen die beiden Türme stumpf und unvollendet erscheinen. Da sind wir von Köln verwöhnt. Rechts neben der Kathedrale ein Museum (und ein gutes Klo). Wenig Fremde, Einheimische so gut wie keine. Ein riesiger Kontrast zu Paris. Wir atmeten auf, sahen uns die schönen Statuen an samt dem berühmten lächelnden Engel (einflügelig!), innen die Glasfenster (eine Gruppe von Chagall), die ruhige, sonntäglich-kirchliche Stimmung umfing uns. Draußen ein Reiterstandbild einer knabenhaft-lieblichen Jeanne d’ Arc. Hernach wechselten wir nach einem Essensversuch in einem überforderten Eckcafé zu McDo.

Auf der Heimfahrt nach Bonn ließ uns das »dynamische« Audi-Navigationssystem im Stich. Wir standen eineinhalb Stunden in einem Stau auf der E42 in Belgien bei Verviers, alles war überfüllt, die Autobahn, jeder Parkplatz, die Tankstelle. Carla übte mit Gisela Plurale (nicht Plurals), machte Mathe-Punkte auf meinem Psion (selbst programmiert …) und zog sich rechts unten ihren sechsten Milchzahn. Landschaftlich war die Fahrt durch die uns unbekannten Ardennen schön und vielfältig. Man kommt richtig ein paar hundert Meter in die Höhe, was das Navigationssystem schön anzeigt. Statt vor halb acht kamen wir so erst zwanzig nach neun nach Hause, froh, zufrieden, glücklich.

*) Neue Zürcher Zeitung, 28. Juni 2008 (bei mir NZZParisRaeder): … eit einem Jahr sind 24 Millionen Ausleihvorgänge registriert worden. Jeden Tag sind rund 120 000 Leute mit den Fahrrädern unterwegs. … die mittlerweile 16 500 «Vélibs» stehen erst seit Juli 2007 zur Verfügung. … 200 000 «Vélib»-Jahresabonnements … seit Beginn des Leihfahrradsystems im Sommer 2007 verunfallten sieben Velofahrer tödlich. … Rund 30 Prozent der «Vélibs» fielen nämlich seit der Einweihung Vandalen und Dieben zum Opfer. Diese haben eine sehr eigene Auffassung vom Begriff «Selbstbedienung». Die Velos, welche die Firma JCDecaux laut Vertrag als Gegenleistung für Werbeflächen an mehr als 1300 Stationen innerhalb von Paris zur Verfügung stellen und warten muss, tauchen dann oft in den Aussengemeinden der Banlieue auf. Und laut «Le Parisien» wurden zahlreiche entwendete Exemplare sogar im fernen Rumänien gesichtet, wo sie wohl kaum Werbung für die «Vélib»-Revolution von Paris machen.

1 Kommentar:

Carolina Koehn hat gesagt…

Ach, was für ein schoener Bericht! Ich schaue ja ab und zu bei Ihnen auf der Internetseite vorbei, und jetzt habe ich nach ein paar Monaten wieder mal den Regentag genutzt. Hat sich gelohnt!

Allerdings ein Tipp fuer den naechsten Besuch:

"Danach wollten wir endlich wieder heim, nahmen die U-Bahn bis Bonne Nouvelle – man ist in Paris angeblich nie weiter als fünfhundert Meter von einer U-Bahn-Station entfernt. Mit den Fahrkarten – wir hatten zehn Stück en gros gekauft – gab’s ein Durcheinander: Die einen gelten nur für Busse, die anderen scheint’s für die Bahn; und ob sie schon gebraucht sind, sieht man auch nicht auf den ersten Blick. Früher hat man halt Karten gelocht."

Das ist hier leider ein wenig komplizierter: Die Tickets gelten entweder fuer Bahnen oder Busse, wobei, wenn man Metro faehrt, umsteigen durchaus moeglich ist (man verlaesst ja nicht die Metro an sich). Im Bus gilt eine Karte fuer eine Fahrt, die dann - logischerweise - zu Ende ist, wenn der Bus verlassen wird.

Die Lage bei den Tickets ist ebenfalls unuebersichtlich: Ich denke, Sie hatten carnets gekauft, die sich nur dann lohnen, wenn man nur alle paar Tage mal mit den oeffentlichen Verkehrsmitteln faehrt. Auf die naheliegende Loesung, fuer einen Kurzbesuch den "Paris Visite"-Pass zu kaufen, sollte man allerdings nicht verfallen, denn die Tageskarten mit dem Namen "Mobilis" sind das wahre Schnaeppchen, allerdings schweigt sich die RATP darueber fuer auslaendische Besucher auf der Internetseite www.ratp.com vollstaendig aus.

"Mobilis" kann jeder kaufen, die gibt es an manchen Automaten (noch so ein Thema fuer die gestresste Pariserin ...) oder aber in allen Metrostationen an den Fahrkartenschaltern. Die unweigerliche Frage nach den Zonen sollte man mit "trois zones" beantworten, dann sind naemlich auch die Randbereiche der Stadt (zones 1 á 3) mit der netten Tram T2 (von La defense bis Issy die Seine entlang) mit enthalten.

Viel Vergnuegen beim naechsten Trip nach Paris wuenscht:

Carolina Koehn (die Ihnen schon beim Tour St. Jacques ausgeholfen hat.