11. April 2018

Wikipedia und ihre „Gänsefüße“

Lexika wie die Wikipedia nannte man im vorigen Jahrhundert noch »Nach­schlag(e)­wer­ke« oder »Konversationslexika«, heute sind’s – dem allgemeinen Trend zu Fremd­wör­tern folgend – En­zy­klo­pä­di­en
   Soweit, so gut. 
   Lexika (darf ich bei diesem Wort bleiben?) wollen klar sein und einen Begriff verdeutlichen – dem Laien zur »Konversation«, zum Angeben im Gespräch, und gelegentlich auch dem Fachmann. Die Wikipedia – jedenfalls die deutsche – steigert (versteigt?) sich diesbezüglich in große Höhen fachmännischer Teilverständlichkeit. Sie wird zum Besserwisserwerk.
   
Unlängst wollte ich herausfinden, ob -4 größer oder kleiner als -3 ist: Mein Schüler hatte stur behauptet: -4 > -3. Das kann man so definieren, meinte ich, verunsichert kneifend. Natürlich waren dann die Hausaufgaben falsch. 
   Erst als er weg war, habe ich in der Wikipedia nachgeschlagen. Auf der Suche nach »größer« landete ich bei »Vergleich (Zahlen)«. Gucken Sie mal, ob Sie dort meine Frage nach dem -4 und -3 lösen. – Ja, das geht schnell, oben rechts ist eine Skala zu sehen: 
»Nach rechts werden die Zahlen größer, nach links kleiner.« Den ganzen Rest der Seite mögen dann andere studieren.
   Bei der alternativen Suche nach »Ungleichheit« wäre ich in Philosophisch- und Politischem gelandet – warum nicht? – und dort bald einmal über »Logik und Mathematik« ins Eingemachte. Zur Vertiefung gibt’s einen Hinweis auf einen Hauptartikel: Äquivalenzrelation. Man kann beliebig weiterwandern in der Wikipedia …

Nun aber zu den, meines Erachtens, von der Wikipedia sich selbst gewählten Überforderungen. Sie will nicht nur sachlich sein, sie will wo immer möglich auch moralisch urteilen, und das möglichst kritisch. Bei Mathematik sind wir uns alle einig: Die ist wertfrei. Doch schon bei »Gesellschaftskunde« teilen sich die Meinungen. Verringert ein Mindestlohn Arbeitslosigkeit, wie mir heute eine gymnasiale Elftklässlerin sagte, weil damit Einkommen über Hartz-Vier locken? Oder steigert Mindestlohn die Arbeitslosigkeit, weil einfache Arbeit teurer geworden ist als manche Maschinen?
   Moralische Aufarbeitung von Vergangenem – nach heutigen »Standards« – ist noch »trickreicher«. Deshalb erfolgt sie auch nur dort, wo sie sich politisch korrekt machen lässt, und in anderen Fällen nicht. Ich bin ja, fast aus wissenschaftlicher Sicht, bei der jeder weiß, dass jede Messung unweigerlich das Gemessene beeinflusst, dagegen, Fakten und Meinungen zu mischen. Ich bin dafür, nach einer relativ kurzen Verjährung moralisch nicht mehr zu beurteilen, was man inhaltlich und ursächlich verstehen will. 
    sind die Beteiligten inzwischen andere Menschen geworden, und b kann man sich die damalige Lage nicht mehr richtig vorstellen, noch dazu oft als Außenstehender, als später Geborener, anderswo Erzogener. Wenn um die vorletzte Jahrhundertwende »Mohren« gleich wie »Frauen ohne Unterleib« im Panoptikum gezeigt wurden, so können wir das nicht mit unserem heutigen emanzipierten und multikulturellen Menschenbild ansehen und aburteilen. 
   Mir fällt auf, dass der Nationalsozialismus bis in die Architekur hinein überall als Ursache vermutet wird, statt dass man sich die Mühe macht, zwischen positiven Errungenschaften dieser Zeit (vielleicht dem Bauhaus oder einfach nur sauber gestalteten Fassaden) und Verbrecherischem zu unterscheiden. 
   Die Wikipedia schreibt das „Dritte Reich“ immer in »distanzierenden Anführungsstrichen«, politisch einzig gerecht: Mit vier Strichen zum Gutmenschen! Die »DDR« muss auf ihre politisch korrigierenden Gänsefüße noch warten, die hatte sie bei uns nur bis 1989. Der »Islamische Staat« soll welche bekommen, in England. Ein Anführungszeichenzirkus.
   War Nationalismus böse? Ja, aber nur der der Faschisten, der Deutschen und Italiener, der Ungarn und sonstig Willfährigen. Eine Kolletivschuld gibt es nicht. Diese Meinung hat sich fast durchgesetzt, man lese dazu nur den ausführlichen Artikel der Wikipedia. Sind Geiselerschießungen, wie sie damals passierten, ein Verbrechen, moderene Gegenangriffe, Bomben und Drohnen aber nicht? Ich fürchte, das wird so gesehen. 
   Wir sehen heute oft weg, »Anwesende ausgenommen« heißt es da stillschweigend; um so gnadenloser blicken wir in die mittlere Vergangenheit. War Angela Merkel mit schuld an der Mauer? Das wird niemand behaupten. Warum eigentlich nicht? Wenn jeder, der unter der Nazi-Diktatur gelebt hat ein Nazi war, sofern er nicht Widerstand geleistet hat. Da mache sich jeder seinen eigenen Reim draus. 
   Ich bin dafür, sich moralisierender Allgemeinurteile zu verkneifen. Selbst der Herrgott lässt sich Zeit bis nach dem »Jüngsten Tag«. (Merken Sie meine Anführungszeichen? Die machen ihn modern und harmlos.). Versuchen wir lieber unser Mittelmeer nicht zur Todesfalle werden zu lassen. Lassen wir Drohnen im Hangar. Versuchen wir das Elend dieser Welt zu lindern, aber so, dass wir nicht Almosen verteilen sondern … eher Schwimmwesten und Kondome? Ich weiß es nicht.

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