10. April 2018

Georg Britting Nazi?


»Wir betrachten vergangene Zeiten mit Herablassung, als bloße Vorbereitung für uns ... aber was, wenn wir nur ein Nachleuchten von ihnen sind?«, Zitat aus »Die Belagerung von Krishnapur«, 1973, von James Gordon Farell (1935—1979), über den Sepoy-Aufstand in Indien in den Jahren 1857/1858. 
    Wörtlich: “We look on past ages with condescension, as a mere preparation for us ... but what if we are a mere after-glow of them?” Die obige Übersetzung ist von Google. Das Zitat setzt Robert Harris seinem Roman “Lustrum” voran, aus dem alten Rom 63 vor Christi.(deutsch: »Titan«).

In unserer Zeit »alternativer Fakten« hängen Meinungen immer mehr vom Meinenden als vom Gemeinten ab. Das ist eigentlich selbstverständlich. Meinen kann man alles, besonders über Vergangenes, wo Fakten verschwimmen. Meinungen mag man ändern, äußern. Meinung als Tatsache hinzustellen, ist unredlich – kommt aber gut an, besonders wenn sie populäre Erwartungen erfüllt.
   Meinung kann gemein sein, etwa, wenn Hans Sarkowicz und Alf Mentzer »sowohl Brittings Haltung zum ›Dritten Reich‹ als auch die Reaktionen der NS-Literaturkritik auf sein Werk als »fortdauernd ambivalent« bewerten. Hier werden ein Mensch und die Reaktionen auf ihn in einen Topf geworfen, wohl absichtlich so, dass es eklig klingt, aber nichts aussagt, weder über den Menschen Britting noch über die Literaturkritik, die damals natürlich stets als nationalsozialistisch angenommen wurde. Die Charakterisierung stammt aus der Wikipedia, die sich scheinbar wissenschaftlich-neutral hinter die Meinungen anderer zurückzieht. Eine doppelte Gemeinheit. Was ist denn »fortdauernd ambivalent«?
   (Die größten Gemeinheiten stecken in Adjektiven. Achten Sie einmal darauf.)
   Bevor ich also über die Frage spekuliere, ob Britting ein Nazi war, muss ich erst einmal von mir erklären: Ich bin jetzt 76 Jahre alt und wurde liberal erzogen, von meinem Großvater (mein Vater ist im Krieg gefallen). Ich habe von Großvater viel gehört und gelesen über die Zeit damals (seine Memoiren stehen hier), als Ende 1941 Geborener sie aber selbst nicht mehr bewusst erlebt. Seither versuche ich, eher die Zeitläufte zu verstehen, als die Menschen zu verurteilen, die damals gelebt haben, schon aus Achtung ihrer Würde – wie man heute sagen würde. Leben war damals schwieriger als heute.

Zu Georg Britting, dem Münchner Dichter aus Regensburg: 
   Georg Britting war kein Parteigenosse der Nationalsiozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Im engen Sinne war er also kein Nazi. 
   Doch fragen wir nach seiner Gesinnung – viel schwieriger.
   Aus dem Ersten Weltkrieg schwer vewundet zurückgekehrt wurde er Mitglied im Regensburger Arbeiter- und Soldatenrat, der durch Mitglieder der MSPD gegründet worden war und am 7. April 1919 dort eine Räterepublik ausrief, die aber nur drei Tage hielt (Quelle). Britting war Sozialist, das ja, vielleicht sogar Kommunist. Das aber lässt sich nicht belegen.
   In der Nazizeit war Britting als Schriftsteller Mitglied der Reichsschrifttumkammer, einer Zwangsvereinigung, organisatorisch ähnlich beispielsweise der heutigen Industrie- und Handelkammer. Ohne Mitglied zu sein, durfte man nicht veröffentlichen. Die Aufnahmekriterien ließen keine Juden zu, keine Homosexuelle, keine Gegner des Nationalsozialismus’. »Ab 1933 wird das literarische Leben im Dritten Reich von der NS-Reichsschrifttumskammer gelenkt, diktiert, beherrscht. Die ins Ausland geflüchteten Autorinnen und Autoren suchen im Internationalen Schutzverband Deutscher Schriftsteller (ISDS) Zusammenhalt, viele der Daheimgebliebenen wählen den Weg in die innere Emigration.« (Quelle).
   Weitere Mitgliedschaften sind mir nicht bekannt, es sei denn, man zählt seine zwei wöchentlichen Münchner Stammtischrunden mit Kollegen.
   Britting schrieb zu Beginn seiner Laufbahn journalistische Theaterkritiken, etwa für die liberalen Regensburger Neuesten Nachrichten und die sozialdemokratische Neue Donau-Post, dann Gedichte und Geschichten. Das waren keine Kampfschriften gegen oder für eine politische Haltung, das waren nicht wie heute so oft als Nachrichten verpackte (politisch korrekte) Meinungen, das war (als expressionistisch eingestufte) Naturlyrik bis hin zu Gruselgeschichten und Bauernschwänken. Er dichtete aus Freude – anders ginge das in seiner konzentrierten, hart erarbeiteten »Dichte« gar nicht –, und er schrieb zum Broterwerb. Schreiben war sein Beruf. 
   Dass seine Geschichten in Schulbüchern erschienen sind und bis heute erscheinen, hat mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun. »Seine Texte fanden Eingang in zahlreiche Schulbücher des ›Dritten Reiches‹« berichtete die Wikipedia – wieder platte Polemik. In »deutsche Schulbücher« oder einfach »in Schulbücher« wäre korrekt gesagt gewesen .Das wurde in der Wikipedia korrigiert, bleibt aber in gekennzeichnetne und ungekennzeichneten Kopien des Wikipedia-Eintrags weiterhin zu lesen Beispiel aus dem Web, Beispiel aus einem Zeitungsartikel).
   Dass er wie alle anderen auch damals offizielle Briefe mit »Heil Hitler!« unterzeichnete, macht ihn nicht zum Nazi. Selbst das davor und danach übliche »Hochachtungsvoll« bedeutete ja nicht, dass man die jeweilige Behörde oder Person besonders hoch achtete, es war üblich wie das Lüpfen des Hutes, oder wie die Ansprache in bestimmten Kreisen mit »Genosse« heutzutage.
   Eine politische Selbsteinschätzung Brittings allerdings ist bekannt. Etwas gewunden schreibt er 1934: »Wer vier Jahre Schützengrabengemeinschaft erfuhr und erlebte, der konnte hinfort nichts anderes mehr sein als national und sozial zugleich« (Quelle). Häufig wird dieses Zitat mit »national und sozialistisch« wiedergegeben – falsch (etwa hier in der Sonderbeilage »Freistaat Bayern«). 
   2010 schreibt  (hier) Hermann Kurzke über Britting:
»Er war kein Nazi, aber auch nicht dagegen. Dass Politik ihm ›sauwurscht‹ sei, schrieb er schon 1919. … Wählen ging er nicht«.
   Hier dieses titellose Gedicht, das vielleicht den damals populären Anschluss Österreichs 1938 bejubelt, aber erst 1941 erschien (Quelle Gedicht, Quelle Erscheinungdatum »Berichtigung«):
         Ohne Titel
      Was immer die Deutschen sich träumend ersehnten,
      Wofür sie litten und fochten und fielen,
      Die besten der Männer,
      Die Sänger der Lieder;
      Die Helden der Schlacht,
      Und was sie verzagt dann schier nicht mehr zu hoffen gewagt:
      In einem herrlichen Jahr
      Ward es gewaltig vollbracht.
Für mich ist dieses Gedicht einfach schlecht (»Sänger der Lieder«, »Helden der Schlacht«), spielt »ohne Titel« auf ein undatiertes »herrliches Jahr« an. Ein Nazi-Gedicht ist es nicht.
    Kommen wir an einem Beispiel zurück zur »Gesinnungsfrage«. Ein langjähriger, guter Freund Brittings war der Jude Alex Wetzlar, der nach der Pogromnacht kurz in Dachau eingesperrt wurde, dann aber wieder freikam (Quelle) und nach England floh. Korrespondenz war bis 1940 über Deckadressen möglich (Quelle). 
   Curt Hohoff, ein Freund von Britting und Wetzlar, beschreibt 1990 anschaulich, wie sie drei die »Pogromnacht« und die Tage danach erlebt haben. Hier in den »Besuchen in der Dunkelheit« ausführlich nachzulesen, jetzt von mir verkürzt wiedergegeben:
   Curt Hohoff und Georg Britting saßen im Schönfeld (ihrem Stammtisch »Unter den Fischen« im Pfälzer Weinhaus »Zum Schönfeld« nahe der Münchner Ludwigstraße, Quelle). Hohoff schreibt: »Die Kellnerin Annie flüsterte uns zu, es war elf Uhr nachts: ›Die Synagogn hams ozundn‹«.
   Am darauffolgenden Tag trafen sich Hohoff und Britting wie üblich in der Buchhandlung Severing (dazu eine schöne Geschichte von Anna Keil im Literaturportal Bayern). Britting sagte, die Wetzlarschen Damen hätten angerufen, sie trauten sich nicht aus dem Haus, ob wir ihnen Lebensmittel bringen könnten. 
   Wir kauften die Sachen im Lebensmittelgeschäft Plendl (heute in Harlaching) und trugen sie in Tüten [zu Wetzlars, Quelle] in der Lindenstraße. … Drei Tage lang wiederholten wir unsere Besuche in der Dunkelheit. Wir mussten fürchten, die Häuser wurden beobachtet.

Natürlich ist die Hilfe einer jüdischen Famile kein Philosemitismus, sie ist auch kein Widerstand gegen die Nazis. Sie war couragiert. Was sich Britting dabei gedacht hat, ist nicht überliefert. 
   Ich jedenfalls ende damit meine Suche nach Brittings »Einstellung« …

   »Die Britting-Stiftung bemüht sich eifrig, den Dichter als einen Literaten des inneren Widerstands in der NS-Zeit darzustellen. Die Wahrheit ist komplexer. Britting, der sich selbst als „national“ und „sozialistisch“ bezeichnete, war sicher kein Nazi. Seine Haltung ist aber exemplarisch für die Schriftsteller, die in Deutschland geblieben waren. Auf Lesereisen stellte er sich 1934 in den Dienst der SA. Er unterzeichnete offizielle Briefe mit Hitlergruß, setzte 1936 seine Unterschrift unter eine Ergebenheitsadresse an den Führer und schrieb 1938 ein Lobgedicht auf den Anschluss Österreichs an das Dritte Reich: „Was immer die Deutschen sich träumend ersehnten, / Wofür sie litten, und fochten und fielen, / Die besten der Männer / Die Sänger der Lieder, / Die Helden der Schlacht, / Und was sie verzagt dann schier nicht mehr zu hoffen gewagt: / In einem herrlichen Jahr / Ward es gewaltig vollbracht.“
   Der Langen-Müller Verlag versuchte, Britting als „völkisch-nationalem Autor“ die Publizierungserlaubnis zu sichern. Seine Erzählungen fanden Aufnahme in Lesebüchern der NS-Zeit. 1935 wurde ihm der Münchner Dichterpreis verliehen. In der Zeitschrift „Das innere Reich“ konnte er 80 Beiträge unterbringen. Zwar wurden seine Gedichte immer wieder kritisiert, aber Schreibverbot erhielt er nie. Das Regime brauchte diese „Unpolitischen“.« 
– Bei der Mittelbayreischen Zeitung stimmt schon der erste Satz nicht: Die Britting-Stiftung stellt Britting nicht eifrig vor, schon gar nicht als »inneren Widerstand«. Und was ein Verlag versuchte, ist auch nicht nachvollziehbar. Das überholte (nicht als solches gekennzeichnete) polemische Zitat aus der Wikipedia mit der »Aufnahme in Lesebüchern der NS-Zeit« steht auch hier, als ob nicht Britting seit Erscheinen noch heute in Schulbüchern stünde.

https://www.literaturportal-bayern.de/zeitschriften?task=lpbwork.default&id=92 
  Bei der Bayerischen Staatsbibliothek steht im Zusammenhang mit der Zeitschrift »Das Innere Reich«: 
   »Inhaltlich wird ein breites literarisches Spektrum geboten, wobei auch Autoren publizieren, die sich nicht zum NS-Gedankengut bekennen. Unter den Schriftstellerinnen und Schriftstellern zählen u.a. Ludwig Friedrich Barthel, Ernst Bertram, Richard Billinger, Rudolf G. Binding, Johannes Bobrowski, Georg Britting, Günter Eich, Gertrud Fussenegger, Hans Grimm, Curt Hohoff, Peter Huchel, Erwin Guido Kolbenheyer, Karl Krolow, Oda Schaefer, Friedrich Schnack, Rudolf Alexander Schröder, Emil Strauß, Franz Tumler, Georg von der Vring, Ernst Wiechert und Heinrich Zillich«

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