1. Februar 2014

Verstehen, nicht urteilen

Im Fernsehen laufen zur Zeit Filme über die Zeiten vor 1945, ich glaube auf  n-tv oder Pro 7. Die Filme stammen wohl aus England oder Amerika, sind eher schnelle, schlichte Rückblicke, Zeiten dramatisierend, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Zum Teil sind die Filme nachkoloriert. So weit, so (mittel) gut.
Sprachen in der Tschechoslowakei um 1930 (klickbar)                    Wikipedia
Die Besetzung des Sudetenlandes am 1. Oktober 1938 und der Überfall auf die Tschechoslowakei am 15. und 16. März 1939 – nur 5½ Monate später – werden dabei in einen Topf geworfen. Dass die Einverleibung der »Rest-Tschechei« ein eklatanter Wortbruch Hitlers war, erstmals offen und unübersehbar, dass es eine Abkehr einer möglichen »Heim ins Reich«-Politik war, die nun einem »Lebensraum im Osten« Platz machte, das ist ein entscheidender Unterschied und war für viele eine Wende. »Hier versagte mein Vertrauen zum ›Führer‹«, schreibt beispielweise mein sel. Großvater.
Postkarte »Ein Volk, ein Reich, ein Führer! 1. 10. 1938«.
Das grüne Gebiet entspricht aber m. E. nicht dem damals dem Reich einverleibten.
Einen ausführlichen, reich bebilderten Bericht zur Übernahme des Sudetenlandes – von der dortigen deutschen Mehrheit sicher mehrheitlich begrüßt – habe ich z. B. hier gefunden, dort ist auch eine kurze Radioreportage zu hören. Ein Bericht zur Zerschlagung der Tschechoslowakei findet sich z. B. in einem Rückblich der NZZ.
braungefärbt: »Reichsgau Sudetenland« im Deutschen Reich
Eine präzise Karte der deutschen Reichsgrenze von Ende 1938 ist schwer zu finden, zumal schon 1939 das »Protektorat Böhmen und Mähren« mit einverleibt worden war (die Slowakei nicht). Da war diese, hier bau gezeichnete Grenze schon wieder überholt, siehe die Karte »Die Umsiedlungen des Führers«.
   Nun hatte der historische Fernsehbericht gesagt, dass nach dem Überfall der Deutschen die Tschechen brutal behandelt und vertrieben wurden. Das wollte ich herausfinden. In den Memoiren meines sel. Großvaters, der die Zeit von Brünn aus erlebt hat, finden sich zwar Bemerkungen über einzelne Juden seiner Bekanntschaft, nichts aber über die Tschechen. Woraus ich immer angenommen hatte, dass zumindest in Brünn im Protektorat das Zusammenleben von deutscher Minderheit und tschechischer Mehrheit normal weiterlief.
   Wer mag das wissen? Wo werden »Alltagsfragen« aufgegriffen?
   Wie überhaupt können wir uns die Zeit damals vorstellen? Selbst Paul Horovsky hat mir darüber nichts erzählt, siehe hier.

Vor allem meine ich wieder und wieder, dass wir nicht beurteilend an Vergangenheit herangehen sollten. Ein Urteil darf höchstens ganz am Ende, nach dem Verstehen, kommen. Es ist wie das Urteilen über eine fremde Kultur. So hat mich heute das Urteil, ja eher das Verständnis von Haifaa Al-Mansour über Saudiarabien, sehr beeindruckt, hier zu erleben.

Siehe auch: http://blogabissl.blogspot.de/2010/01/flucht-und-vertreibung-im-zusammenhang.html

Link zu diesem Blog: http://blogabissl.blogspot.com/2014/02/verstehen-nicht-urteilen.html

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