13. März 2012

Fremdbezeichung vs. Eigenbezeichnung

Jüngst bin ich – zum Teil unflätig – darauf hingewiesen worden, dass mein alter Sprachtipp »Zigeuner, Sinti und Roma, und das generische Maskulinum« beleidigend sei. Schon in der Überschrift nenne ich ihn »einen politisch inkorrekten Sprachtipp«.
···Mir liegt es fern, jemanden persönlich sprachlich anzugreifen. Zur Beruhigung habe ich mir in Youtube ein paar alte Filme von Django Reinhardt angehört (hier Anfang 1931 mit Sweet Georgia Brown), bekanntlich einem französischen Zigeuner – und weniger bekannt, siehe Wikipedia, einem »Manusch«. Ob »Manusch« eine politisch korrekte Bezeichnung ist, das kann ich nicht herausfinden. Es könnte ja sein, dass der Ausdruck früher einmal von Deutschen herablassend verwendet worden war.
···Alles, was ich in meinem Sprachtipp sage, deutlich sage, ist: Wir brauchen praktische, handhabbare Begriffe. Wenn wir schon bei den Begriffen herumeiern, wie sollen wir zur Sache kommen?
···Jedenfalls scheint sich in den letzten sechzig Jahren – mindestens so lange verwende ich aktiv und bewusst Deutsch – die Einstellung zu Begriffen geändert zu haben. Die Wikipedia schreibt hier am Beispiel Zigeuner nachgerade von einem »Paradigmenwechsel« in den 1980er-Jahren. »Entgegen einer verbreiteten Ansicht sind die Eigenbezeichnungen [gemeint sind Sinti und Roma] im deutschsprachigen Raum seit langem auch in der Mehrheitsgesellschaft bekannt, ohne jedoch bis in die 1980er Jahre hinein je in eine nennenswerte Konkurrenz zu Zigeuner getreten zu sein. Sie haben – wie die Minderheit selbst – stets eine unbedeutende Randposition gehabt.« Fragt man die Zigeuner selbst – pardon! – so nennen sich heute (2007–2011) nur mehr knapp sieben Prozent auch selbst »Zigeuner«.
···»Zigeuner« wird sprachforscherisch als »Fremdbezeichung« gewertet, obwohl ein »Xenonym ("Fremdname", von griech. xenos "fremd" und onoma "Name")« sonst bezogen wird auf »Wörter, die sich in Bezug auf einen gegebenen Kontext "fremd" verhalten.« Demnach wäre im Deutschen für die Stadt Rom »Roma« die Eigen- und »Rom« die Fremdbezeichnung. Verkehrt herum. Aber bleiben wir bei dieser Definition.

Ich möchte hier dann altmodisch für »Fremdbezeichnungen« plädieren. Erstens meine ich nicht, dass Worte eine Einstellung zur Sache ändern können. Wer keine Zigeuner mag, wird Sinti oder Roma nicht lieber mögen. Ein Schwarzer wird nicht un-schwarz, wenn ich ihn »Amerikaner afrikanischer Herkunft« nenne und ein Krüppel nicht zum »Andersbegabten«. Ich rede gerne Tacheles. Zweitens frage ich mich, wie weit eine Sprachgemeinschaft gehen soll, um vielleicht wechselnden Eigenbezeichnungen nachzuspüren. So schrieb man mir zum Thema von »einem Rom oder einer Romni«, was mich zurück zu meinem Sprachtipp führt und dem Wunsch nach sprachlicher Vereinfachung. Politische Korrektheit vernebelt mehr als dass sie uns zur Sache bringt.
···Ein Beispiel. Eine blonde Frau hat blaue Augen. Schön. Nun gibt es aber im Deutschen den Begriff »blauäugig« für naiv, allzu gutgläubig. Die Dame fühlt sich angegriffen, wenn man sie auf ihre blauen Augen anspricht. Und politisch Korrekte fordern, das Wort »blauäugig« aus dem Vokabular zu streichen. Es sei beleidigend für alle, die blaue Augen haben. Fortan dürfen blaue Augen nur mehr schwarzweiß dargestellt werden.Viola philippica
···Weiter. Stellen wir uns die Welt beseelt vor, sogar Pflanzen. Gerade jetzt im Frühling gibt es wunderschöne Veilchen. Sie (oder ihre Lobby-Gruppe) sind nun draufgekommen, dass »Veilchen« im allgemeinen Sprachgebrauch auch ein »blaues Auge« bedeuten können. Diskriminierung! rufen sie. Als Veilchen darf nur eine veritable Pflanze, eine Viola bezeichnet werden. Und schon gar nicht ein blaues Auge, mit dem einer vielleicht davongekommen ist. Heißt im Englischen black eye. Ich erspare uns den Anblick.
···Sprache dient dem Verständnis. Sie schafft es nicht.

PS. Zum Thema fällt einem freilich viel ein, vom »Preußen«, bayrisch ausgesprochen, bis zu Kaisa Ilunga vom Bonner »Integrationsrat«, der erfolgreich Astrid Lindgren auf dem Kieker hat, hier.
···Die politische Korrektheit geht inzwischen in der Tat so weit, dass zwar ein »Korruptionswahrnehmungsindex« manche Länder als »sehr korrupt wahrgenommen« deklariert, Liste hier, im Wikipedia-Eintrag des entsprechenden Landes das Wort Korruption sicherheitshaber aber gar nicht vorkommt. Augen zu und durch ... Es könnte ja alles ein Vorurteil sein. Man sollte den Dingen, den Menschen vor allem ins Auge sehen, und sie jeden nach seiner persönlichen Art nehmen – trotz durchaus möglicher Verallgemeinerungen, die eh nichts bringen. Viel weniger urteilen, viel öfter sagen: Ich weiß nicht.

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