30. April 2007

... Montag, 30. April 2007 – erster Tag

Igor, der »Bauer« baut mit einem Freund den Stall für ein paar Kühe zurecht. Säulen werden verrückt, hölzerne Abgrenzungen gezimmert. Sehr schön.

Gisela ruft aus Bonn an, sie habe Nachts einen Einbrecher mit polizeilicher Hilfe am Dach vor unserer Wohnung gefasst. Frech habe er sie angesehen, und dabei unsere Gartenleuchte aus der Wand gerissen. Die Arme war noch ganz verschrocken.

Hier findet Doris wieder eine kleine Maus, diesmal an meinem Handtuch im Bad, vielleicht dieselbe wie gestern, sage ich, und sie bringt sie im Plastikmessbecher auf den Hof. Wir fotografieren sie fürs Album, die Kinder füttern sie mit etwas Käse. Der wurde zu ihrer Galgenmahlzeit, denn die Katzen ließen sie nicht wieder laufen, denen Igor sie brachte. Diese Maus sehen wir gewiss nicht mehr wieder.

Zusammen mit Max, aber in getrennten Autos, sind wir dann am Vormittag ins Dorf gefahren, einkaufen, reden, mittagessen. Und kamen in einen kleinen Platzregen, der – wie hier üblich – schnell wieder der Sonne Platz machte.

Max eröffnete mir am Grab der Großeltern, die, wie er mir vorrechnete, vor nunmehro neunzig Jahren den Hof und Wald hier gekauft hatten, dass er aus dem gemeinsamen Familienbesitz »aussteigen« möchte. Wir haben dann noch lange darüber gesprochen, auf einer Bank mit Bildstock beim Gemeindehaus. Es wird schwierig werden.

Mittags trafen wir uns alle beim Höllriegl im Garten, Carla und Max Fritattensuppe, er und Doris mit Monique danach ein Wienerschnitzel, ich eine Backerbsensuppe.

Nachmittags »zu freier Verfügung«, Max schläft und ist müde, Fritz nur weniger, Doris und die Kinder gar nicht. Dabei immer wieder zwischendurch Regen.

Abends ab halb sechs oben bei Max die »Hofversammlung« mit Igor und Martina, Albert, Springer jun. – der nun leider nicht mehr »jun.« ist –, Max natürlich und ich. Es zieht sich. Erst um zehn komme ich herunter. Die Kinder sind schon im Bett, mitsammen. Die müssen wir noch trennen.

Südtirol im Mai 2007

Reise von Fritz und Carla mit Doris und ihrer Tochter Monique auf den Hof

Samstag, 28. April 2007 – Vor der Fahrt

Ein heißer Tag in Bonn; der heißeste April seit Menschengedenken in Mitteleuropa macht seinem jungen Ruf alle Ehre. Carla war über Nacht bei einer Freundin, mit ihr dann noch zum Schwimmen und Mittagessen. Sie wurde uns erst nachmittags um vier wieder gebracht – Dankeschön! Denn die Zeit konnten wir gut nutzen, in Ruhe für Südtirol zu packen. Wieder eine Unmenge natürlich, für die kleine Prinzessin Kleidchen aller Art und Farbe, es könnte ja auch einmal kühles Wetter geben, oder eine bessere Gelegenheit, dann für den Technik-Prinzen allerlei Elektronisches, den neuen externen Brenner, Funkgeräte, Verlängerungsleitungen, Ladegeräte, und zum Schluss noch das vollelektronische Fieberthermometer für alle Fälle, aber auch alle ... Also es ward gepackt und war gepackt: zwei große Reisetaschen, zwei Klappkisten (Essen und Technik, respektive), unzählige Tüten bis zur Kühltasche mit liebevoll geschmierten Wurststullen – danke Gisela!

Sonntag, 29. April – Abreise, Bonn—Bozen

Erst musste ich mal mit dem Auto in unsere im Umbau befindliche Friedrichstraße hineinkommen. Rowdys hatten in der Nacht – Wochenenden sich da anfällig – die Absperrungen umgeworfen. Danach kleines Stehfrühstück in der Küche, Tee, wie üblich. Carla durfte so lang schlafen als möglich. Pünktlich und planmäßig kam ich los, 7.50 Uhr, Kilometer 200003. Bloß, dass das Auto schon fast voll war, und ich noch Doris und Monique auf der anderen Rheinseite in Beuel holen musste. Doris hatte versprochen, nur zwei Reisetaschen zu packen. Die müssten doch noch Platz haben – hatten sie dann auch, doch erst, als der Inhalt meiner Proviantkiste und Carlas Kinderspielkorbs lose verteilt worden war, sozusagen als Kofferraumschüttgut. Doris hatte ganz schön viel gepackt, bis hin zu, neu, einem geliehenen Laptop ...

Dann gings los, bei strahlendem Wetter, wolkenlos, 8.25 Uhr, km 200006.

Um zehn passierten wir Frankfurt am Main (km 170), am Würzburger Rasthaus machten wir eine kleine Pause, dort ab um ½12, km 283, dann fuhr Doris. Am traditionellen Hilpoldsteiner Weiher wars heiß, die alten Pappeln waren ja ersatzlos für eine Abwasserleitung gefällt worden, Ameisen. Wir picknickten mit Doris’ Raviolisalat und Quarknachtisch, gut, aber ungemütlich wegen der Hitze und der Ameisen. Ab 13.25 Uhr, km 439, draußen 26½ Grad. Schon vor München leuchtete die Reservetankanzeige auf. Man schaffts von Bonn bis nach Österreich nur bei sehr verhaltener Fahrt und einem langen Stück Leichtsinn, dass der Sprit schon reichen wird. Also haben wir sicherheitshalber in Vaterstetten für 15 Euro deutsches Super getankt (14.22 Uhr 10,69 Liter für 1,404 Euro je Liter gleich Euro 15,01) und passierten dann bei km 656 um 15.12 Uhr die Grenze bei Kufstein. Berge, wilde Wolken, stechende Sonne.

In Angath die gewohnte Tankpause mit Eis für alle (15.26 Uhr 59,37 Liter à 1,179 €/l, 2 10-Tage-Vignetten à € 7,60, 2 Brenner-Videomauten à € 8, zusammen € 101,20), Kilometer 673, ab um vier. Problemlos weiter durchs Inntal, sogar zwei Tropfen Regen, Brenner um 17 Uhr bei km 767, im Tal üblicher Euro für die italienische Maut bis Sterzing. Radio Tirol grüßt mit alten Schlagern.

Um halb sechs oben am Penser Joch (2211 m, km 801, 12,5°), die Kinder versuchen sich barfuß im Schnee – was ihnen dann aber doch zu kalt war. (Word möchte barfuß mit ss schreiben, wie korrigiert man diesen Fehler?) Papa hat spontan Durchfall und erleichtert sich im Gasthaus. Gedenken an Heinz und den Durnholzer See ... Fahrerwechsel von Doris zu Fritz.

Um 18.35 Uhr waren wir dann am Hof, Ziel Bildstock, Kilometer 838, 20½ Grad. Da waren wir 10 Stunden 10 Minuten unterwegs, 82 Stundenkilometer im Durchschnitt. Gut Fahrt will Weile haben. Die Kinder durften – auf Wunsch! – barfuß aussteigen und zum Hof laufen.

Am Hof begrüßt einen ein neues Gatter und vor allem ein neuer Trog mit ordentlichem Dach. Wir sind dann gleich hinaufgegangen, haben Martina und Igor, die Förster (unsere neuen Pächter hier) begrüßt, sie hatten Besuch von Martinas Eltern, dann Max (mein Neffe und Mitbesitzer), der leider allein gekommen war. (Beide Wohnungen sind oben im Haus, unsere unten im Erdgeschoss.)

Ja, dann auspacken, den Boilern Strom geben, Betten überziehen, und eine ganz kleine Überraschung: Ein Mäuserl hatte sich in unserem Abfalleimer aus Plastik gefangen, war aber noch ziemlich munter. Ich hab dann diese Hausmaus zur Feldmaus umgewidmet.

Abendessen mit dem Mitgebrachten, die Kinder brav und müde – obwohl Carla stundenlang in Bayern geschlafen hatte –, vor allem sofort glücklich, am Hof zu sein. Gute Nacht nach zehn.

Montag, 30. April 2007

Carla weckt mich um halb sieben, ich solle nicht so schnarchen. Dabei wars eh kein gescheiter Traum, mit Schulfreunden einsam in einer amerikanischen Stadt. Jetzt schnell diese Zeilen. Draußen 15½ Grad, herinnen in der Stube 17. Vogelgezwitscher, der Himmel noch grau. Die Hyazinthe blüht rührend vor dem Fenster.
Dies ist übrigens mein erster Versuch, ein Tagebuch formal als Blog zu machen. Bilder kommen noch. Kommentare bitte über Mail. Will nicht allzulange in der Leitung bleiben.

27. April 2007

Das Schimpfen über den Staat sein zu lassen – grad nehm ichs mir vor, halte mich nachgerade für einen Nörgler, da les ich in der NZZ die Kritik von Paul Kirchhofs Buch »Das Gesetz der Hydra« (NZZ 27. 4. 7: «Der Traum vom weisen Staat»): »Der Staat verteile immer neue Privilegien, Subventionen und Steuervergünstigungen, die er nicht finanzieren könne. Er verspreche allen das Beste, was er nicht halten könne. Er begründe gesetzliche Ansprüche und Forderungen, die die Streit- und Klagelust der Bürger steigerten. Er überflute die Bevölkerung mit Normen und Gesetzen, die gar nicht alle verstanden und beachtet werden könnten. Er schaffe eine so differenzierte und formalisierte Rechtsordnung, dass diese am Ende willkürlich sei. Das Wuchern von Eingriffen, Vergünstigungen und Normen schränke die Freiheit der Bürger ein. Der Staat, so das Fazit von Kirchhof, habe seine Hauptaufgabe aus dem Blickfeld verloren.« Mehr sogar: »Der Gesetzgeber verschleiere durch gezielte Verfälschungen der Sprache seine Absichten und Ziele.« Ansonsten bleibt die liberale NZZ Kirchhof gegenüber eher skeptisch, denn »Kirchhof scheint weniger einem liberalen und offenen Wettbewerb der Interessen als einem paternalistischen Ideal des weisen und massvollen Staates zuzuneigen.« Und darin ist er Utopist. Ich hab mir den Artikel (elektronisch) ausgeschnitten – NZZglobal sei dank.

26. April 2007

Man sieht, was man sehen will: Kaum hatte ich hier von der Rück­wärts­gerichtet­heit der deutschen Lande polemisiert, brachte die NZZ einen Artikel über den Wieder­aufbau des Berliner Schlosses (25. April: «Das Berliner Schloss nimmt Konturen an». Optimistisch geschätzte Kosten 480 Mio. Euro. Soll dann nur mehr «Humboldt-Forum» heißen) und einen über den Versuch der Regierenden, die demokratisch gewünschte Wald­schlösschen­brücke bei Dresden zu verhindern (25. April: «Ein Brücken­streit gefährdet die Demokratie»). Modern dürfen bei uns nur die Eisenbahntunells im Altmühltal sein (Gesamtprojekt 3,6 Mia. Euro statt geplanter 2,3 Mia.). Also lassen wir das Thema.

Für unsere Carla haben wir einen der seltenen Ganztags­plätze im Kinder­garten. Ohnehin endet dort der »Ganztag« um 16.30 Uhr, aber immerhin. Nun wollte ich einer anderen Mutter, die für ihre Tochter in unserem Kinder­garten nur Vor­mittags­betreuung bekommen hat, was Gutes tun. Sie sucht dringend für ihre Tochter – Einzel­kind wie unseres, dabei aber isoliert wohnend – Betreuung am Nach­mittag. Wir sind die nächsten zwei Wochen in Süd­tirol, also müsste sie doch so lange Carlas Nachmittags­platz haben können. Die Anregung stieß auf heftige Ablehnung: Das sei gesetzlich verboten. Ein Platz, auch wenn er nicht eingenommen wird, sei besetzt, könne nicht übertragen werden, nicht einmal auf ein Kind, das eh schon im selben Kindergarten ist. Ich: Wer denn so eine hirn­verbrannte Regelung macht? Also »hirnverbrannt« hab ich nicht gesagt, man mag es aber durchgespürt haben. Ja, der Gesetz­geber. Ich möge mich doch beim städtischen Jugend­amt erkundigen. Tatsächlich erreichte ich dort die zuständige Dame, die mir die Sache bestätigte: Das Land will es so. Ich: Wer denn da im Land zuständig sei? Das Landes­jugend­amt in Köln. Auch dort erreichte ich die zuständige Dame am Telefon – nicht sofort natürlich, man tingelt sich da ja immer etwas herum, und dann sind die Beamtinnen ja auch nicht immer auf Parteien­verkehr eingerichtet sonder anderswo als am Telefon. Die Landesjugendamtszuständige meinte denn aber – ganz vernünftig – das sei doch zulässig und müsse lokal geklärt werden. Ich also wieder in Bonn zurückgerufen, dort war nur leider schon das Zeit­fenster unglücklicher­weise zu und der Anruf­beantworter an. Ich werd morgen weiterforschen ...
1. Wieso kümmert sich der Gesetz­geber auf Landes­ebene darum, ob statt Carla vierzehn Tage lang ein anderes Mädchen ihrer statt im Kindergarten essen und nachmittags da bleiben kann? Gezahlt isses ja. Warum werden die Kinder­gärten betrieben von Kirchen oder Privaten, bezahlt von der Stadt, mit dergleichen un­ver­ständlichen Gesetzen versorgt vom Land – und nicht gleich auf Bundes­ebene oder über Europa­recht? Im Zweifel pro Arbeits­vermeidung. Nur nichts bewegen. Das haben wir noch nie so gemacht. Da könnte ja jeder kommen. Das sind Gesetze, mein Herr, das ist nicht ein Dienst­leistungs­vertrag zwischen Ihnen und mir hier ...
2. Warum ist nie jemand wirklich verant­wortlich? Die Kinder­garten­leiterin schiebts auf die Stadt, die Stadt aufs Land, das Land weiß von nichts und delegiert zurück. Warum: Damit der Bürger resigniert. Resignation ist Zustimmung. Zustimmung zu diesem Geflecht der Zuständigkeiten, sprich: Filz. Wir sind dabei.
— Hier nun, wie die Geschichte weiterging. Nach meinem ermutigenden Anruf beim kölner Landesjugendamt versuchte ich wieder das hiesige Stadtjugendamt zu erreichen, nach dem technisch bewährten Kellerungs- oder Stack-Prinzip, wie rauf, so runter, last in, first out. Ab dann unterhielten sich allerdings nur mehr unsere Telefonbeantworter. Am Schluss registrierte meiner einen eiligen Anruf der Bonner Jugendamtsreferentin, ich möge das im Kindergarten klären. Sie hatte also eingelenkt. Wunderbar. Als ich am Nachmittag in den Kindergarten kam, hatte auch die Leiterin dort schon eingelenkt: Ab Montag kann das andere Mädchen vierzehn Tage (von mir gezahlt, eine »Spende« nannte es die Kindergärtnerin) lang an Carlas statt essen und wird nachmittags betreut (als »Gast«). Große Freude bei ihrer Mutter.
Fazit: Gott sei Dank bürgern sich hier langsam italienische Verhältnisse ein. Unsinnige Vorschriften werden notfalls umgangen. Fatta la legge, trovato l’ inganno – was ungefähr so viel heißt wie: Kaum ist’s Gesetz gemacht, finden die Leute schon drumherum. Nur halt nicht immer ganz freiwillig.

24. April 2007

Sonntag früh gegen zehn, beim ersten Blick in den Blackberry:

So 22.04.2007 09:03
Von: Hotel Seebrücke Zingst [info@hotel-seebruecke.net]
Betreff: Notruf zum Blackberry aus dem Ostseeheilbad Zingst
Hallo Herr Jörn,
dies ist eigentlich ein „Notruf“. Wir haben einen Gast in unserem Hotel, welcher einen Blackberry sein eigen nennt. Nun hat er, weil er sein Ladekabel vergessen hat und um Strom zu sparen, sein Blackberry ausgeschaltet.
Jetzt wollte er ihn wieder anmachen, weiß aber nicht, wie es geht. Sollten Sie diese Nachricht heute (22.04.07/ 08:40 Uhr) lesen und unserem Hausgast helfen können, so mailen Sie uns doch bitte oder rufen kurz an (038232 / 840).
Sie würden somit einem verzweifelten Gast viel Freude bereiten.
mit ostseefrischen Grüßen
Mirko Bark
Hotel & Restaurant Seebrücke

Soweit die Nachricht. Das kommt davon, bei der Google-Suche nach »Blackberry-Tipps« vornean zu stehen. Dabei stehen meine Tipps längst auf einer Wiki-Seite. Auf jeden Fall konnte dem Mann geholfen werden, sogar mit dem Extra-Tipp, seinen Blackberry doch einfach über einen PC und den USB-Anschluss zu laden – sofern ein passendes USB-Kabel zur Hand ist. Ja, das simpelste Ein- und Ausschalten unserer elektronischer Begleiter wird zur Seltenheit: Die Dinger bleiben permanent an.

So, jetzt aber wieder was Politico-Philosophisches. Die Machbarkeit dieser Welt. Das Austauschen, Ersetzen, einfach neu Kaufen. Das geht an bei den Alleebäumen in unserer Friedrichstraße, eingepflanzt in voller Blüte und Saft, veredelt, fix und fertig nach zehn Jahren Baumschule. Wer dörrt, wird dann ersetzt. Second Life!
Das Berliner Stadtschloss wird wieder aufgebaut.
Kunstschnee. Vielleicht könnte man den Klimawandel durch Gipsgletscher vertuschen?
Überhaupt ist Wandel böse. Dass mir ja keine »Arten« aussterben! (Na, vielleicht Grippeviren oder Karieserreger, die dürften verschwinden.)
Kein Wunder, dass selbst moralische Fragen mechanistisch gelöst werden. Metalldetektoren gegen Mörder. Bald wohl Rauchmelder in Kneipen gegen Zigaretten, wenn es schon immer höhere Steuern nicht tun.

Sind ja nicht nur die Kirchen Wächter von Sitte und Anstand. Der Staat (›res publica‹) ist mindestens ebenso stark dran interessiert, hat Ombudsmänner, empfiehlt Schlichter, schreibt vor Scheidungen Vergleichsversuche vor oder ein halbes Jahr Trennung, was als eheliche Zerrüttung gilt. Nur, dass sich in den letzten fünfzig Jahren keiner die Mühe gemacht hat, den Moral-Kanon weiterzuschreiben, vernünftig fortzuführen. Die Kirche hält einfach am Alten fest. Den Staat interessieren nur Steuern und Ruhe und Ordnung. Aber: Ist Brettern ab 200 Stundenkilometer unmoralisch, ab 250 eine Todsünde? Oder beginnt das schlechte Öko-Gewissen schon bei 140? Ach was: allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzungen müssen her, 120 oder so, dann wird die Welt wieder heil und kühl.

Genug der Suada.


19. April 2007

Aus dem Vollen schöpfen – das tut unsere öffentliche Hand. Erst greift sie uns in die Tasche, so tief, dass mehr als die Hälfte daraus weg ist. Dann wird das Geld genommen, um allerlei Allotria zu betreiben. In unserer Friedrichstraße – siehe Webcam*) – wird mittelalterliches Kopfsteinpflaster gelegt und feinste Bodenplatten. In der Parallelstraße fährt die Straßenbahn. Da wird zum zweiten Mal in wenigen Jahren die Stromzuführung erneuert, im Bild ein Stück Schaltstange, vermutlich zur Stromtrennung im Notfalle. Und bei der Bahn, ob Straßen- oder Deutsche Bahn, da ist ja dann ganz gewiss jedes Stück von Hand gefertigt, aus dem Vollen, damit selbst Technik+) historisch aussieht. Die Schalteinrichtungen, aus Stahl und Messing und edlem Kupfer, wirken tatsächlich wie von 1904 oder früher. Das kommt nicht von Toyota. Serienteile unerwünscht. In jeder deutschen Stadt sieht die Tram anders aus, denn das sind wir unserem Image schuldig. Da wird noch geschraubt, gefräst und gehämmert. Bringt ja alles Arbeit! – Genug. Vielleicht stimmt das alles nicht, und ich habe nur einen polemischen Blick. Man sehe sich halt Öffentliches einmal mit offenen Augen an und überlege: Was sind Serienteile, was Sonderanfertigung.
Übrigens habe ich in der Bonner Straßenbahn, die sich streckenweise U-Bahn nennt, noch nie einen Fahrkartenkontrolleur erlebt. Das wäre ja auch – um eine Aufregung von heute aufzugreifen – ein Angriff auf die von der Verfassung garantierte »Unschuldsvermutung«. Denn vom Kontrollierten nähme man ja an, er führe möglicherweise schwarz, sei also schuldig. Dafür erlebte ich gestern die Zollfahndung, selbdritt in Uniform und mit dem Wagen im Parkverbot, auf der Suche nach Schwarzarbeit in Ulla Popkens Laden.

*) Explorer: http://Fritz.ServeFTP.net:1024 und dann Name Kamera, Passwort Kamera, eventuell vorher Explorer-Internet-Sicherheiten bis nach dem Laden des Anzeigeprogramms ausschalten.
+) Technik: ohnehin ein rotes Tuch hier

17. April 2007

Ein Sommermontag in Bad Godesberg. Carla hat chorgesungen und spielt jetzt im Sand. Kinder, klönende Mütter, vor allem aber viel Sonne hier. Der Spielplatz ist professionell: eine glattbetonierte Rollschuhbahn für Skater mit Hohlkehlen und Hindernissen, ein Basketballfeld – unbespielt –, Schaukeln und Klettergerüste im Sand für kleine Kinder. Darumherum städtische Wiesen mit Fußballern und Pusteblumen. Heute –

– zwei Gedanken.

Zu Papst Benedikts achtzigstem Geburtstag hatte am Sonntag das Bayrische Fernsehen ausgiebige Reportagen gebracht, mit Pilgern, Gebirgsschützen, Blaskapelle und vom Weihbischof eigenhändig abgegebenem Bier in Flaschen. Die Reportage aus rollenden Pilgerzügen und -bussen, vom Markusplatz und von Roms Sehenswürdigkeiten liefen immer wieder auf ein »toll, toll, ein riesen Erlebnis« usw. hinaus, »einmalig« – was einer halt so sagt zu einem Weltwunder. Im ersehnten Moment begrüßte der Pontifex auch seine Bayern auf Deutsch, Jubel und Fahnen: »die hier Anwesenden ...« Doch was wohl keinem aufgefallen ist, denn es versteckte sich in einem wie selbstverständlichen Nebensatz: Der Papst sah Jesus mit unter den Anwesenden. Immerhin war der Anlass ja formal eine Sonntagsmesse. So etwa: Zusammen mit dem Herrn dürfen wir feiern, und begrüßen ... In all dem protokollarischen Jubel hatte der Papst die Ruhe bewahrt, den Herrn zu sehen. Ja, der Glaube macht den kleinen Unterschied zur bloßen Promi-Show; und nicht nur der Glaube an Gott, dem man dem Pabst anspürt wie unserem aus Bonn abberufenen polnischen Pater (der der Bonner »City-Pastoral« wohl nicht gut genug war), sondern Gott selbst.

Ein Zweites, nur kurz:

Eine Familie, die wir aus dem Kindergarten kennen, sie aus Polen mit guten Russischkenntnissen, er von hier, beide schon ein wenig älter, erzählten uns, sie hätten ihren sechsjährigen Sohn aus dem hintersten Russland adoptiert. Das hätte gut und gern 30.000 Euro gekostet und sei eine Odyssee durch die Ämter gewesen, unglaublich. Auf diese Behörden, diese Staaten, die sich in das Private einmischen, wenn es für sie nur Arbeit und vor allem Geld und Gebühren abwirft, kann man nur einen unbändigen Zorn bekommen. Wir brauchen Kinder. Wir brauchen Menschen. Doch wenn ein Paar ein Kind annehmen will, so wird die große Verhinderung abgezogen. Wenn ich nicht schon längst ein Staatsfeind wäre, nach dieser Erzählung wäre ich es geworden.

Im Bild: Carla schläft noch ein bisschen.

13. April 2007

Freitag nach Ostern im Park. Ich muss den Bildschirm auf blauen Hintergrund stellen – nur eine Tastenkombination bei mir – um überhaupt was zu sehen. Schriftgröße 150 Prozent. Der Cusor ist eh immer brutal vergrößert. Wie früher. Dabei sitze ich auf einer zweckmäßig herumgedrehten Bank des Bonner Hofgartens und achte (wenig) auf drei Kinder, Carla, ihre Freundin und den Jungen von gegenüber. 25 Grad, leichtes Lüfterl, Vögelgezwitscher, Kinderstimmen, Mopeds draußen auf der Straße, hier in der Allee vorbeiknirschende Fahrräder und schüchtern wegblickende Studentinnen – je schöner und adretter desto schüchterner. Pat, der Vater des Jungen, dem gegenüber ich das später bemerke, meint, das sei eine Sache der Kultur, des Herkommens. In der Tat sind Fremde hier ja oft schöner, meine ich, und nicht jede käme aus Italien und sei das Hinterhergepiffenwerden gewohnt. Pat findet Italienerinnen übertrieben. Ich muss an Brigitte denken, die es damals in Mailand schon nach ein paar Tagen leid war, daß man ihr nachrief. Wir wohnten u. a. 1969 dort. Tempi veramente passati.

Das Foto ist übrigens frisch aus unserem Garten.

Hier auf der Bank bekomme ich wieder einen Hustenanfall, dass es »einer Sau graust«, voll aus der Brust heraus und bis hinauf in die Stirnhöhlen. Ich müsste eigentlich mit einem Stirnband herumlaufen. Aber die optisch sichtbaren Hosenträger reichen schon zum rentnerösen Gruselauftritt. Ich hatte sie heute früh angezogen. Da war’s noch kühl. Wenn ich die Strickjacke drüber trage, sieht sie keiner. Sind halt ungemein praktisch bei meinem Embonpoint. Und wenn ich schon dabei bin: Die Füß’ tun mir weh, fühlt sich an wie Sehnenentzündung, seit Wochen will das nicht weggehen. Komme mir vor wie ein maroder Alter, humpelnd, dazu noch gelegentlich chronischer Schwindel. Pat meint, die Fußschmerzen seien ein »Fersensporn«. Da brauche es Einlagen und ein halbes Jahr. Also nicht das Alter. Wikipedia, hier wohl wörtlich die »Wiki für die Füße«, nimmts ernst.

Ich schicke dem Menschen, der am Spielplatz einen Ehering gefunden hat – 0177 5471156 – eine SMS, dass genau hier vor ein paar Wochen jemand ebenso plakatiert hat, dass er einen verloren hat. Natürlich habe ich mir die Nummer nicht aufgeschrieben. Tragische Kurzgeschichte.

Nach Ostern habe ich in Hans-Peter Kerkelings Santiagopilgerbuch zu lesen begonnen. Birte hatte es mir geschenkt. Seit meiner »Pilgerautofahrt« 1999 lese ich dergleichen besonders gern. Auch das zugehörige Hörbuch lobte sie sehr. Wie fast alle Reisebeschreibungen gut zu lesen, vorantreibend, dazu seelisch ordentlich offen.

Bissl Technik noch
• Endlich ein Offline-Programm zum Errechnen des Wep-Hex-Schlüssels gefunden. Man steht so dumm da, wenn einem ein Freund sagt, kannst mitfahren, das ist der Schlüssel, und man kommt doch nicht rein. Zudem sind die Symptome hundsgemein: Man ist »verbunden«, aber Daten kommen wegen der Nicht-Entschlüsselung keine an. Siehe www.Joern.De/WEP oder direkt zu www.Joern.De/WEP/wep.htm
• Neu ist die Anleitung zum Selbstbau einer Displayschutzfolie. Meine Freunde und wohlmeinende Familienangehörige rümpfen die Nase. Siehe www.Joern.De/Billigfolie.htm
• Gut angekommen ist die Anleitung für automatische Blindkopien aus Outlook, www.Joern.De/AutoBCC.htm. Danach hatte ich schon einmal voriges Jahr gesucht und nur teures, abstruses Zeug gefunden, das bis zu einer Rootkit-Routine reichte zur völlig unsichtbaren Überwachung ausgehender Post, Lover vs. Lover wahrscheinlich. Beispiel oder Beispiel (probiert).
• Der Bericht über die Satellitenwetterstation ist zwar erschienen, mein Exemplar aber meist kaputt. Leider merkt man sowas erst bei längerem Gebrauch. Will mich beschweren.
• Artikel und Texte:
· Mit meiner Recherche um Ernst Höltzer komme ich nicht viel weiter, habe aber die wichtigsten Daten dieses fotographierenden Telegraphisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Isfahan schon beisammen.
· Für py eine Semiglosse zu einem – natürlich patentierten– Handystrahlenschutzsystem geschrieben. Exradia funkt zusätzlich aus der Batterie, was aber die schädliche Strahlung nicht erhöhen sondern neutralisieren soll. Quacktechnik, den Begriff sollte man erfinden.

Soviel für heute. Freitag der 13. – und sogar der Kaminkehrer kam, allerdings nur, um zu messen.

12. April 2007

Jetzt, nach Ostern, muss ich mich einmal wieder melden. Schon damit meine wenigen »Abonnenten« nicht meinen, ihr »Feed« sei ausgestorben.
Also erst äußerlich: Da bin ich bei den Schwiegereltern in Aurich. Wir haben schöne Ostertage gehabt. Das traditionelle Osterfeuer am Karsamstag hat wie immer hoch gelodert und heiß gestrahlt, und wenn dann später nicht mehr, so rückt man einfach näher dran. Die Würstchen brieten dennoch am Grill, konventionell. Nur die risikofrohe Jugend bis hinauf zu Tochter Birte (23) wickelte sich Steckerlbrot – das hier im ostfriesischen Norden natürlich nicht so heißt – und kohlte es über dem Feuer an. Die alten Nachbarn kamen, wie jedes Jahr. ’s ist ein schöner Brauch.
Deplazierter hab ich mich am Karfreitag gefühlt. In unserer heidnischen deutschen Welt ist der Karfreitag ja ein Feiertag wie jeder andere, wie der erste Mai, wie Ostermontag oder sonst ein arbeitsfreier Tag. Ich aber hatte eigens an der Auricher Pauluskirche geschaut, die bloß hundert Meter von den Schwiegereltern entfernt ist, hatte mir einen Karfreitagsgottesdienst um 18 Uhr »eingedenk der Todesstunde des Herrn« herausgesucht. Da bin ich dann hingegangen. Mit mir stand ein junges Paar – von weiter her – vor verschlossenen Türen. Ein Missverständnis. Na ja, und in der Familie war es mir komisch, dass alle Fleisch aßen. Mit Carla versuche ich am Freitag nach alter Sitte kein Fleisch zu essen, traue mich aber selten, das zu bekennen. Als dann noch die große Geburtstagsfeier zum 75. der Großmutter am Karfreitag Abend in einem netten Lokal »stieg«, na ja, da war ich dann schon innerlich etwas durcheinander. Trotzdem war’s ein schönes Fest, die große Familie in gehobener Stimmung und Kleidung, die Kinder artig und fein.
Meine religiöse »Sättigung« habe ich dann am Ostersonntag früh um sechs bekommen, zumal Birte mitkam. Die Paulusgemeinde veranstaltete einen Frühgottesdienst. Angetreten war hauptsächlich der Pfarrer und der Chor, feierlich gekleidet, und – nur wenige mehr – rund zwanzig Gläubige. Vor der Kirche loderte und knisterte ein kleines Holzfeuer, wo sonst die Glocken ohrenbetäubend bimmeln. Im Dunkeln schritt man in die Kirche, setzte sich hin, lauschte Pfarrer und Chor, laudámus dominum, mehrmals (sogar richtig betont, was mir nach dem Kirchenhit »Láudato si, o mi signore ...« wie ein Wunder vorkommt). Die Protestanten sitzen ja (außer zum Vaterunser), was der Messe zwar ihre Dramaturgie nimmt, den Gläubigen aber unsicheres Herumstehen erspart. Die Katholiken sollten sich ein Zeichen auf der Liedertafel ausdenken für Aufstehen, Hinsetzen, Knien. Jedenfalls war der Auricher Gottesdienst schlicht und gut und getragen von den Evangelien; das Lichterbrimborium und die Taufwassersegnung störten mich nicht. Symbolhaft, dass das auch so außerhalb der bürgerlichen Zeiten passierte. Die Kirche, ihre Ordnung, alte christliche Sitten sind ja wirklich nicht mehr präsent in Deutschland, sind höchstens ein Ding fürs Private (oder gleich den Fremdenverkehrsverein und die Feuerwehrkapelle). Deshalb will ich’s damit auch bewenden lassen.
Die Tage gingen halt schnell herum, wie immer, wenn man was erlebt. Wir fuhren am Montag ins Teemuseum in Norden, sehr schön (im Bild ein Teestövchen als Laterna Magica – Niagara Falls), und sahen uns die Aida an im Emdener Hafen (ein neues Schiff), ein Rummel samt Hubschrauberrundflügen und Kabine am Kran zum Hochfahren. Abends musste Birte von Bremen wegfliegen. Am Dienstag machten wir alle einen Ausflug nach Groningen. Am Mittwoch haben wir bei schönem Wetter eine Bootsfahrt zu den Seehunden auf Borkum gemacht, auch ein Erlebnis, besonders für Carla. Zwischendurch bissl gebastelt, für Opa einen DVD-Brenner gekauft und installiert. Ich bin immer wieder erstaunt, wie kompatibel das Zeug ist bis hin zu den Stromzuleitungen, und das ganz ohne staatliche Normung.
Heute am Donnerstag zurück nach Bonn. Hier ist Sommer. Der Garten liegt in voller Blüte. Musste die Teichpumpe reparieren. Und jetzt geh ich schlafen.